Liebe Leser*innen,
Diesen Satz von Margareth Neujahr habe ich beim Lesen zweimal gelesen. Ihre Familiengeschichte führt von Deutschland nach Brasilien und wieder zurück: Ihre Vorfahren verließen Deutschland, weil sie dort kaum eine Zukunft sahen. Generationen später zog sie selbst in das Land ihrer Vorfahren. Sie kennt beide Seiten, das Aufbrechen und das Ankommen und erzählt davon so offen, dass man die Widersprüche unmittelbar nachvollziehen kann.
Dabei lohnt sich eine Erinnerung, die wir gern verdrängen: Deutschland war über lange Zeit auch ein Land, aus dem Menschen fortgingen. Sie nahmen ihre Sprache und ihre Bräuche mit, gründeten Vereine, bauten Schulen und Kirchen. Was wir heute bei Zugewanderten manchmal kritisch betrachten, gehörte damals zum Leben von deutschen Auswanderer*innen.
In dieser Ausgabe des IN MAGAZINs begegnet uns dieser Perspektivwechsel immer wieder. Der Verein CANGLI unterstützt chinesische Migrant*innen, ohne ihnen vorzuschreiben, wie sie leben sollen. Die Musikerin Laila Mahmoud zeigt mit ihrem Kanun, wie vertraute Klänge durch neue Begegnungen eine andere Sprache finden.
Doch eigene Wege zu gehen, ist nicht für alle gleich leicht. Youssef Maghrebi erzählt mit Humor von Diskriminierung und Zugehörigkeit. Ahmad Al Saadi setzt sich dafür ein, dass junge Muslim*innen selbst zu Wort kommen. Jan Ilhan Kizilhan wiederum erklärt, wie tief Rassismuserfahrungen wirken können, auch innerhalb von Familien und über Generationen hinweg.
Drei unterschiedliche Zugänge zu derselben Frage: Wie offen ist eine Gesellschaft, wennMenschen zwar dazugehören sollen, ihre Möglichkeiten, mitzuentscheiden, aber begrenzt bleiben?
Diese Frage stellt sich ebenso in der Kulturpolitik. Im Gespräch mit Marc Gegenfurtner zum 75-jährigen Bestehen des Stuttgarter Kulturamts sprechen wir darüber, wie sich Kulturförderung in einer vielfältigen Stadtgesellschaft weiterentwickeln muss – gerade in Zeiten knapper öffentlicher Mittel. Für mich steht fest: Diese Entwicklung aktiv mitzugestalten, ist der Auftrag des Forums der Kulturen. Wir sind ein starkes Netzwerk postmigrantischer Organisationen. Wir sind Impulsgeber für gesellschaftliche Teilhabe. Wir sind ein Kompetenzzentrum mit langjähriger Erfahrung und fundierter Expertise. In dieser dreifachen Stärke liegt zugleich unsere Verantwortung begründet.
Kultur ist das Fundament unseres Zusammenlebens.
Denn Kultur ist für mich kein schmückendes Beiwerk. Sie ist Fundament unseres Zusammenlebens. das Fundament, auf dem unser gesellschaftliches Zusammenleben ruht. Sie eröffnet Perspektiven, sie schafft Räume zur Mitgestaltung, sie entscheidet darüber, welche Stadtgesellschaft wir sein wollen. Unser Blick auf die eigene Geschichte gehört unbedingt dazu. Die App Erinnerungspfade führt zu Orten in Stuttgart, deren koloniale Vergangenheit vielen kaum bekannt ist. Das Stuttgarter Europa Theater Treffen wiederum bringt Stücke auf die Bühne, die von Freiheit, Macht und Selbstbestimmung erzählen. Beide laden dazu ein, Vertrautes neu zu betrachten.
Wem hören wir eigentlich zu, wem trauen wir etwas zu, und wem öffnen wir tatsächlich Türen? Diese Novemberausgabe gibt darauf keine fertigen Antworten, aber viele gute Geschichten sowie Gründe, selbst darüber nachzudenken.
Ihre
Alina Papagiannaki-Sönmez (Geschäftsführerin des Forums der Kulturen Stuttgart e. V.)