Liebe Leser*innen,
Die Lernwerkstatt für geflüchtete und neuzugewanderte Jugendliche ist mehr als ein Bildungsprojekt. Sie ist ein Ort, an dem Zukunft wieder vorstellbar wird. Was dort entsteht, macht etwas Grundlegendes sichtbar: Teilhabe beginnt mit Zugang. Mit Sprache. Mit Vertrauen. Hier berühren wir eine zentrale Frage unserer Zeit.
Während von allen Seiten „mehr Integration“ gefordert wird, werden gleichzeitig Sprachkurse in dramatischem Umfang gestrichen, verlieren an Umfang. Vielfalt wird betont – dennoch fehlen häufig die Strukturen, die echte Teilhabe tragen. Darin zeigt sich eine Schieflage, die sich im Alltag vieler Menschen konkret auswirkt. Gleichzeitig wird sichtbar: Es geht auch anders.
Die Weilimdorfer Lernwerkstatt zeigt, was möglich ist, wenn Stadt, Schule und Zivilgesellschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen. Bildung bedeutet hier weit mehr als Wissensvermittlung – sie schafft Orientierung, Stabilität und Selbstvertrauen. Zugleich lenkt sie den Blick auf etwas Entscheidendes: Potenziale sind da. Sie brauchen Raum, um sichtbar zu werden. Diese Ausgabe des IN MAGAZINs widmet sich genau diesen Räumen – und der Frage, wie sie entstehen und erhalten bleiben.
Im Rahmen unserer Fachtagung zur Mehrsprachigkeit rücken wir am 9. Mai eine Perspektive in den Fokus, die lange unterschätzt wurde: Sprache ist mehr als ein Werkzeug. Sie prägt Identität, beeinflusst Bildungschancen und eröffnet Wege zur gesellschaftlichen Teilhabe. Zugleich bildet sie die Grundlage für Kommunikation und Austausch – vom Mikrokosmos der Familie bis hin zum Makrokosmos der Stadtgesellschaft. Mehrsprachigkeit ist eine zentrale Ressource unserer vielfältigen Gesellschaft und verdient nachhaltige strukturelle Förderung.
Gleichzeitig feiert ein Meilenstein des Forums der Kulturen Jubiläum: Seit zehn Jahren gibt es das House of Resources. Eine Struktur, die oft leise wirkt und dabei enorm viel bewegt. Sie unterstützt post-migrantische Organisationen und Initiativen dabei, ihre Arbeit nachhaltig zu entwickeln – durch Beratung, Qualifizierung und gezielte Mikroförderung. So entsteht vor Ort genau das, was gesellschaftlichen Zusammenhalt trägt: handlungsfähiges Engagement.
Gerade in Zeiten zunehmender Kürzungen wird die Bedeutung solcher Strukturen besonders deutlich. Wo sie fehlen, entstehen Lücken – in Teilhabe, in Beteiligung, im Miteinander. Am Ende entscheidet sich gesellschaftliche Teilhabe im Alltag. Dabei geht es um eine grundlegende Entscheidung, die wir als Gesellschaft treffen: Schaffen wir verlässliche Strukturen für Teilhabe – oder reagieren wir erst, wenn ihre Folgen sichtbar werden?
Seit 25 Jahren macht dieses Magazin Perspektiven sichtbar, die oft zu wenig Raum bekommen. Das bleibt. Gleichzeitig richtet sich der Blick nach vorn: Was trägt? Was braucht es jetzt? Und wie gestalten wir die nächsten Schritte gemeinsam? Ich lade Sie ein, diese Ausgabe mit genau diesem Blick zu lesen – offen, neugierig und mit dem Anspruch, Dinge weiterzudenken.
Ihre Alina Papagiannaki-Sönmez
Geschäftsführerin Forum der Kulturen Stuttgart e. V.