Liebe Leser*innen,

in letzter Zeit wurde viel über das „Stadtbild“ diskutiert und ein Zuviel an Menschen mit Migrationsgeschichte suggeriert; „irregulären Migranten“ wird vorgeworfen, das Wohlbefinden in unseren Städten zu beeinträchtigen.

Doch wie sieht es in unseren Städten wirklich aus? Natürlich ist auch in Stuttgarts Stadtbild sicht- und hörbar, dass nahezu die Hälfte der Stuttgarter*innen eine Migrationsgeschichte hat, bei den Jugendlichen noch mehr. Aber macht dies unser Stadtbild nicht (welt)offener, bunter, moderner, freundlicher? Gilt nicht für viele das Sommerfestival der Kulturen gerade deswegen als das große Bürgerfest, als Ausdruck des friedlichen und kreativen Miteinanders? Nur diejenigen, die sich eine geschlossene, homogen-deutsche Gesellschaft zurückwünschen, können die Vielfältigkeit unseres Stadtbildes als Bedrohung empfinden.

Wenn wir über die nicht so schönen Seiten unseres Stadtbildes reden, müssen wir über die deutliche Zunahme an Wohnungslosigkeit reden, über die für jeden spürbare Zunahme an psychischen Belastungen und Traumata, oder über Racial Profiling und andere Diskriminierungserfahrungen, aber natürlich auch über Drogenkriminalität und Jugendbanden. Doch was hiervon ist typisch migrantisch? Abgesehen davon, dass Menschen mit einer Migrationsgeschichte überproportional sozialen Verwerfungen ausgesetzt sind, deutlich häufiger als „verdächtig“ gelten und nicht selten als „Sündenböcke“ für alles, was schief läuft, herhalten müssen. Die Probleme unserer Städte haben soziale Ursachen und keine kulturellen, in der Herkunft seiner Bewohner*innen liegenden Gründe.

Erst kürzlich berichtete die Stuttgarter Zeitung über eine Studie zum „Sicherheitsgefühl in Stuttgart“. Dieser zufolge fühlten sich 85 % der Befragten nicht unwohl in ihrer Stadt. Die meisten, die angaben, sich in der Innenstadt zu fürchten, teilten mit, dass sie dort so gut wie nie seien. Es sind vor allem Emotionen, die unsere Diskussionen bestimmen und damit rasch zur Gefährdung unseres gesellschaftlichen Zusammenhaltes führen können. Die Zuspitzung der Stadtbild-Diskussion auf das Thema Migration schadet dem gesellschaftlichen Klima, schadet dem Miteinander in dieser Stadt. Unsere frühere Kanzlerin Angela Merkel hat 2017 im Rahmen einer ähnlichen Diskussion einmal klar gemacht: sie könne auf der Straße Menschen mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft nicht unterscheiden.

Natürlich muss jede Art von Kriminalität bekämpft und Sicherheit gewahrt werden – aber eben mit den Instrumenten, die unser Staat und unser Grundgesetz hierfür vorsieht, mit Polizei und Justiz, nicht aber mit Emotionen, Hass und Hetze, und vor allem nicht auf dem Rücken bestimmter Bevölkerungsgruppen. Die einzigen, die hiervon profitieren, sind rechtsextreme Parteien und Gruppierungen. Sie erhalten Zulauf, während sich unsere Gesellschaft weiterhin auseinander dividieren lässt.

Die sachkundigen Mitglieder aus dem Internationalen Ausschuss haben kürzlich zu all dem die lesenswerte Stellungnahme* Stuttgarter Weg: Humanität, Rechtsstaatlichkeit, Verantwortung verfasst. Dort heißt es unter anderem : „Sichtbarkeit ist keine Bedrohung. Stuttgart ist Heimat für alle, die hier leben. Niemandes Zugehörigkeit hängt vom Erscheinungsbild ab. Unsere Stadt versteht Sichtbarkeit als gewohnten Teil des gemeinsamen Alltags. Wer von einem „Problem im Stadtbild“ spricht und damit Menschen mit vermeintlicher Migrationsgeschichte meint, verkennt, was unser Grundgesetz lehrt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Zugehörigkeit gilt unabhängig von zugeschriebenen Merkmalen und ohne Ansehen der Person, sei es Alter, Religion, Behinderung, Krankheit oder der Ausdruck der eigenen Identität.“

In diesem Sinne wünscht Ihnen allen eine gutes, besseres Neues Jahr

Rolf Graser,

Geschäftsführer Forum der Kulturen Stuttgart e. V.