Caleb Azumah Nelson: Den Sommer im Ohr

(Originaltitel: Small Worlds)
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner.
Kampa Verlag, 2024.
304 Seiten.

Caleb Azumah Nelson: Den Sommer im Ohr

Musik spielt im zweiten Roman des 1993 in South East London geborenen britisch-ghanaischen Schriftstellers Caleb Azumah Nelson (Frei schwimmen) eine enorm wichtige Rolle. Nicht nur dem Ich-Erzähler Stephen ist sie Lebensbegleiter und Elixier, sie spielt auch für andere Figuren – die Freundin, den Vater, ja im Grunde die verschiedenen Communities, in denen sie sich alle, egal ob in London oder in der alten Heimat Ghana, bewegen – eine besondere Rolle.

Und weil die Musik so wichtig ist, hat der Züricher Kampa-Verlag praktischerweise einen QR-Code ins Impressum drucken lassen, der auf eine mehr als 75 Titel umfassende Playlist mit einer Laufzeit von rund sechseinhalb Stunden verweist. Sie reicht von Fela Kuti, Perkussionist Babatunde Olatunji, Hugh Masekela, Ebenezer Obey und Highlife-Größen wie Gyedu Blay Ambolley über Miles Davis und John Coltrane bis zu Bill Withers, Bob Marley, Lauryn Hill, Nas und Hip-Hop-Produzent DJ Dilla – und könnte noch um einiges länger ausfallen, wenn wirklich jeder im Buch erwähnte Song ergänzt wäre. Die Musik beim Lesen mitlaufen zu lassen, verspricht also doppelten Lesegenuss. Im Leben der Figuren (und auch ihrem Glauben) ist sie etwas, das ihnen Halt gibt.

Die drei Akte des Romans erzählen von den Jahren 2010 bis 2012, in denen der anfangs 18-jährige Protagonist viel Zeit auf Partys verbringt, Knatsch mit seinem Vater, der andere Erwartungen an den Sohn hat, bekommt und der vor der Entscheidung steht, was er aus seinem Leben machen soll. In der Beschreibung der in der Londoner Diaspora im Stadtteil Peckham lebenden afrika- und afrokaribikstämmigen Menschen wird man mit den Herausforderungen jener, die ausgewandert sind oder ihren Platz in der neuen Heimat finden müssen, ebenso konfrontiert, wie dem Kampf der Daheimgebliebenen, egal welcher Generation sie angehören. Azumah Nelson bringt die in einer poetischen, flüssigen und trotzdem leichten Sprache, die auch in Momenten von Schwermut und Traurigkeit von soghafter Kraft ist, zum Ausdruck.