Frühjahrsempfang des Forums der Kulturen Stuttgart
Von Erfolgen, Krisen und Prüfsteinen
Rolf Graser ging in seiner Rede zunächst auf die Arbeit des Forums der Kulturen in den letzten 28 Jahren ein – allerdings nur soweit dies auch künftig von Bedeutung ist. Denn „die Erfolge der Vergangenheit sind für diejenigen, die hier und heute unter Diskriminierung und Ausgrenzung leiden, weitgehend ohne Belang“.
Dabei unterstrich er, dass „(post)migrantische Akteure keine defizitäre, zu integrierende Hilfesuchende sind, sondern kompetente Expert*innen mit enormen Potentialen.“ Nicht zuletzt deshalb könne das Forum „stolz darauf sein, dass viele (post-) migrantische Vereine, die heute anerkannte und bedeutsame Organisationen sind, in ihren Anfängen vom Forum der Kulturen begleitet und gefördert wurden.“
Er betonte die zentrale Bedeutung von Teilhabe und Empowerment, aber auch von Netzwerken und Bündnissen. Doch: „ohne Ambiguitätstoleranz funktionieren keine Bündnisse, aber auch keine offene und diverse Gesellschaft.“
Sein „Blick zurück nach vor“ endete mit der Feststellung, dass wir „aktuell erleben müssen, wie rasch bislang Erreichtes und Erkämpftes in sich zusammenfallen kann: der Sozialstaat wird in Frage gestellt und die bislang hochgelobte Willkommenskultur in ihr Gegenteil verkehrt. Weltweit werden nicht nur Menschenrechte sondern auch das Völkerrecht missachtet – beides wichtige Errungenschaften der Nachkriegszeit.“
Er stellte fest, dass „das Gefühl von Unsicherheit und existentieller Bedrohung ein idealer Nährboden ist für rechtsradikales Gedankengut“, einer Entwicklung, der man sich mit aller Kraft entgegenstellen müsse.
Abschließend konstatierte er: „Der Blick auf Erfolge der Vergangenheit kann uns auch Hoffnung machen. Er zeigt: wir haben viel erreicht, also könnt auch ihr viel erreichen. Was wir brauchen ist ein „Optimismus des Handelns“ bei gleichzeitigem „Pessimismus des Wissens“. Mit dem Schlimmsten rechnen, sich aber trotzdem mit der berechtigten Hoffnung auf ein Gelingen ans Handeln machen.“
Alina Papagiannaki-Sönmez reflektierte zunächst über ihren persönlichen und beruflichen Werdegang, der sie zu Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Welten geführt hat. Und gerade hieraus hat sie die Erkenntnis gewonnen: „Teilhabe entsteht dort, wo Menschen sich gesehen fühlen — und wo Strukturen echte Mitgestaltung ermöglichen“.
Sie sprach offen die Herausforderungen an: „Im aktuellen Haushalt zeigen sich deutliche Kürzungen. Bundesprogramme laufen aus oder stehen auf der Kippe“. Für sie ist dies jedoch kein Grund zur Resignation: „Das ist keine Krise. Es ist ein Prüfstein.“ Ein Prüfstein, der die Frage aufwerfe, ob wir interkulturelle Arbeit nur als Schönwetterphänomen betrachten oder als das, was sie wirklich ist: das Fundament unserer Gesellschaft.
„Das, was wir hier tun, ist keine Nischenpolitik. Es ist Demokratiearbeit. Kein Slogan, sondern unsere tägliche Praxis“, so die neue Geschäftsführerin. „Das bedeutet auch, sich klar gegen Diskriminierung und Rassismus zu positionieren – nicht als Zusatz, sondern als selbstverständlicher Teil dieser Arbeit.“
Angesichts all dessen geht es ihr um „konkrete Arbeit“ – und zwar in Form von Sensibilisierung, Erinnerung, Sichtbarmachung, Befähigung, Vernetzung und Bewegung sowie Mitgestaltung. Sie lud alle Anwesenden ein, Teil dieser gemeinsamen Zukunftsgestaltung zu sein.
Sie beschrieb zudem die Kraft, die Kultur innehabe: „Sie überschreitet Grenzen, die Gesetze nicht überschreiten können. Sie erreicht Menschen, die Institutionen nicht erreichen.“ Papagiannaki-Sönmez forderte in diesem Zuge, (post-)migrantische Organisationen als wahre Partner anzuerkennen, die dauer- hafte Strukturen benötigen.
Rolf Graser habe mit dem Forum der Kulturen aus wenigen Vereinen Strukturen geschaffen, auf der hunderte Organisationen aufbauen. „Das ist kein kleines Erbe. Ich trage es mit Respekt“, teilt sie andächtig mit. „Und mit dem festen Willen, es weiterzuentwickeln.“