Jegana Dschabbarowa: Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt
Aus dem Russischen von Maria Rajer.
Zsolnay Verlag, 2025.
144 Seiten.
Hamburger Literaturpreis Buch des Jahres 2025
Jegana Dschabbarowa: Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt
„Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt“, so lautet der Titel des autofiktionalen Romans von Jegana Dschabbarowa. Vielmehr sollen sie ernten, kochen, nähen und Kinder aufziehen.
Früh lernt die Autorin in ihrer aserbaidschanischen Community im russischen Jekaterinburg, dass der weibliche Körper sich nicht selbst gehört. Jedes seiner Teile unterliegt einer Bestimmung. Jegana Dschabbarowa strukturiert ihr Buch durch Kapitel, die jeweils einem Körperteil gewidmet sind. Zum Beispiel Augenbrauen: Das Zupfen ist unverheirateten Mädchen untersagt. Wuchernde Brauen bedeuten, dass die Tochter noch zu vergeben ist. In der russischen Diaspora werden Mädchen früh verheiratet. Fortan herrscht der Ehemann über sie. Mutter und Tanten lehren die Ich-Erzählerin, dass der Mund einer Frau nicht dazu dient, Gedanken zu äußern.
Ihre Mutter ist der Gewalt des alkoholisierten Ehemannes schutzlos ausgesetzt, Tritte in den Bauch lösen die Frühgeburt der Ich-Erzählerin aus – mit Folgen. Eines Tages befallen die junge Frau Krampfanfälle, die sogar das Sprechen verhindern. Endlich findet eine Ärztin heraus, dass sie unter Dystonie leidet, einer neurologischen Erkrankung. Eine ins Hirn gepflanzte Steuerung hilft, als Braut aber ist sie unvermittelbar geworden – für ihre Familie schicksalhaftes Unglück, für sie der Beginn von Selbstbestimmung.
Der enge Zusammenhalt der Familie hat einen Hintergrund: Aserbaidschaner werden in Russland als zweitklassig und sogar vogelfrei angesehen. So schließen sich die Familien umeinander, schützen und fesseln sich gleichzeitig. Aber Traditionen lassen sich nicht konservieren, Mädchen und Frauen lassen sich auf Dauer nicht einsperren. Jegana Dschabbarowa hat ein lebendiges Zeugnis dieses Prozesses geschrieben. Heute lebt sie verheiratet mit einer Frau in Hamburg, wo sie den Hamburger Literaturpreis Buch des Jahres 2025 erhielt.