Altin Gün: Garip
Label: Glitterbeat Records
Altin Gün: Garip
Mit Garip legen Altın Gün ihr sechstes Studioalbum vor und zugleich einen berührenden Dialog zwischen Generationen. Das Amsterdamer Quintett widmet sich zehn Kompositionen des legendären türkischen Volkssängers Neşet Ertaş und überführt dessen Werk in eine schillernde Gegenwart. Die rohe Emotionalität der Aşık-Tradition – jenes Erbe der Volksbarden und Troubadoure, die seit Jahrhunderten die Geschichten und Sehnsüchte Anatoliens besingen – trifft auf psychedelischen Groove, Arabesque-Streicher, funkige Saxophonlinien und glitzernde Synthesizer. Wie einst Ertaş, begleitet sich Sänger Erdinç Eçevit auf der Bağlama, einem mittelasiatischen Saiteninstrument mit langem Hals und metallenen Saiten, und verankert die Songs tief im anatolischen Erbe.
Inhaltlich kreist das Album um die Liebe, jedoch fern jeder Verklärung: Es geht um Unsicherheit, Sehnsucht und das schmerzhafte Ausbleiben von Gegenseitigkeit. Gleich in Gönül Dağı wird diese Ambivalenz greifbar, wenn Herzstürme und Einsamkeit ein Gefühl von heiliger wie verletzender Liebe zeichnen. Besonders spannend gerät Benim Yarim, das einzige instrumentale Stück. Wo im Original Gesang dominiert, entfaltet der spielerische Umgang mit Synth-Pitch-Bends hier eine eigene, fast körperliche Intensität. Suçum Nedir stellt die existenzielle Frage, ob Liebe selbst zur Schuld werden kann und erscheint hier als ungeschönte, ehrliche Konfrontation. Gel Yanıma Gel zeigt eine andere, zugänglichere Facette: rockig, tanzbar, verführerisch. Den Abschluss bildet Bir Nazar Eyledim, eine fragile Ballade, in der flehender Gesang auf schwebende Synth-Arpeggien trifft und als leiser, aber nachhaltiger Hall wirkt. Garip ist eine liebevolle, mutige Fortschreibung musikalischer Tradition, und live dürfte diese Musik tatsächlich zur Offenbarung werden.