Local Diversity e. V.

Mehmet Ildes, Gründer und Vorstand des Vereins
Foto: Ufuk O., Lynn M. und Meltem Y.
Ausgabe: Oktober 2023

Local Diversity e. V.

Vielfalt ist mehr als ein Trend

Fast die Hälfte aller Stuttgarter*innen hat eine Einwanderungsgeschichte, doch im Gemeinderat sind nur 16 Prozent davon vertreten. Das möchte Local Diversity ändern und die Lokalpolitik vielfältiger machen. Das Ziel: junge Menschen mit Migrationsgeschichte für kommunalpolitische Themen begeistern und ihnen Mitsprache ermöglichen.

Der Verein wurde im Frühjahr 2023 von den beiden Studierenden Mehmet Ildes und Sharon Mwihaki ins Leben gerufen. Die Idee dafür reifte bei Mehmet aber schon viele Jahre, motiviert durch seine eigene Lebensgeschichte. „Ich wurde mit 11 Jahren Halbwaise, habe eine Migrationsgeschichte und bin in Armut aufgewachsen. Das war schwer und ich hatte das Gefühl, dass Menschen mit einer Lebensrealität wie meiner in der Gesellschaft und Politik nicht gehört werden“, sagt der 22-Jährige. Um das zu ändern, begann er sich mit 14 Jahren im Stuttgarter Jugendrat lokalpolitisch zu engagieren, heute ist er bei den Grünen aktiv – und Vorstandsvorsitzender bei Local Diversity.

„Viele wissen gar nicht, dass sie ihre Stadt und die Politik mitgestalten können. Wir wollen ihnen Wege aufzeigen, wie sie sich für ihre Interessen stark machen können.“

Gemeinsam möchten die sechs Vereinsmitglieder Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationsgeschichte empowern, kommunalpolitisch aktiv zu werden: „Viele wissen gar nicht, dass sie ihre Stadt und die Politik mitgestalten können. Wir wollen ihnen Wege aufzeigen, wie sie sich für ihre Interessen stark machen können“, sagt Sharon, stellvertretende Vorstandsvorsitzende. Die 26-jährige ist ebenfalls durch ihre eigene Erfahrung motiviert: „Früher dachte ich, dass ich nicht mitsprechen kann. Die Black-Lives-Matter-Demos 2020 haben mir dann gezeigt, dass jeder einzelne zählt und genauso die Kraft von Vielen. Das möchte ich weitergeben.“ Auf einen Bewerbungsaufruf der Organisation Join Politics hin entwickelten Mehmet und Sharon ein Vereinskonzept – und das erfolgreich. Das Projekt wurde für eine sechsmonatige Talentförderung ausgewählt. Mit dieser Starthilfe organisierte das Vereinsteam in den letzten Monaten eine Auftaktveranstaltung, einen Workshop und einen Instagram-Kanal. Bis zu den Kommunalwahlen 2024 will es außerdem mehr Politiker*innen mit Migrationsgeschichte motivieren, sich aufstellen zu lassen, um langfristig die Politik diverser zu machen.

Grundidee und Teil des Konzepts sind dabei Veranstaltungen, nicht nur für Politiker*innen, sondern explizit für junge Menschen mit Migrationsgeschichte. In Workshops an Schulen sollen Schüler*innen lokalpolitisches Engagement aktiv und niedrigschwellig kennenlernen. „Wir möchten das cool gestalten und Kommunalpolitik mit Spaß vermitteln. Wenn wir die Menschen persönlich und emotional mitnehmen, sind sie viel eher dabei“, sagt Mehmet. Zusammen mit Vereinsmitglied Mersedeh Ghazaei hielt er den ersten Workshop an der Linden-Realschule in Untertürkheim. „Wir kamen sehr gut an und die Schüler*innen fanden es schön, Menschen mit einer ähnlichen Lebensrealität vorne stehen zu sehen.“ Diese Repräsentation ist dem Verein wichtig. „Gerade in Klassen oder in Schulen, in denen Migrationsgeschichte präsent ist, ist das für die Schüler*innen empowernd und wir haben viel positives Feedback deswegen bekommen. Das ist mega schön und beflügelt uns“, erzählt Sharon. Für den Herbst sind weitere Workshops geplant.

Mit Politiker*innen und der Stadtverwaltung plant der Verein zudem Austauschformate umzusetzen. Gemeinsam sollen Wege gefunden werden, wie die Lokalpolitik diverser werden kann. Bei der Auftaktveranstaltung des Vereins im Juli diskutierten Politiker*innen mit Migrationsbiografie aus dem Gemeinderat und sprachen über ihre Wege in die Politik. Gleichzeitig soll durch solche Formate gezeigt werden, wie Vielfalt die Stadt politisch weiterbringt. „Unterschiedliche Perspektiven, Meinungen und Einstellungen tragen einen Mehrwert dazu bei, neue Lösungsansätze zu finden. Diversität ist wichtig und mehr als ein Trend“, sagt Sharon.

Auch für zukünftige Veranstaltungen hat Local Diversity Pläne, im Herbst möchte der Verein alle Kommunalwahl-Kandidat*innen mit Migrationsgeschichte zu einem Austauschtreffen zusammenbringen. Gleichzeitig möchte er junge Menschen zum Wählen motivieren – auf Instagram. Denn Soziale Medien stellen einen wichtigen Bereich der Vereinsarbeit dar. „Unsere Zielgruppe – die 16- bis 32-Jährigen – informiert sich hauptsächlich auf Social Media. Wir versuchen auf Instagram coole, interessante und qualitativ hochwertige Inhalte zu verbreiten und damit auch Menschen, die nicht unbedingt Interesse an Politik haben, als Follower*innen zu gewinnen“, erzählt Mehmet.

Im Dezember läuft die aktuelle Förderung durch Join Politics aus. Wie es im Detail weitergeht, wissen Mehmet und Sharon noch nicht. Aber weitermachen werden sie: „Wir wollen das Thema in der Öffentlichkeit weiterbringen und präsent sein. Mit Instagram, bei Veranstaltungen, in den Medien und vor allem vor Ort in Stuttgart“, sagt Sharon. „Und die jungen Menschen, die wir erreichen, so motivieren, dass sie dabei bleiben und wiederum andere motivieren.“