Until We Talk

Dokumentarfilm, Deutschland/Schweiz, 2025
Regie: Florian Mebes, 84 Minuten
Filmstart: 8. Oktober 2026
Originalsprachen: Hebräisch, Arabisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Verleih: UCM.ONE

Florian Mebes studierte TV-Journalismus an der Filmakademie in Ludwigsburg. Er lebte mehrere Jahre in Israel. Kurz nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 war er für das ZDF in Israel vor Ort. Until We Talk ist sein erster Dokumentarfilm in Spielfilmlänge. Er lebt in Kirchheim/Teck.

Foto: McQueen Films
Ausgabe: Oktober 2026

Until We Talk – Doku zum Nahostkonflikt

Vom Mut, miteinander zu reden

In Until We Talk begleitet der Filmemacher Florian Mebes über 15 Jahre hinweg einen Israeli und einen Palästinenser, die beide eine Tochter im Nahostkonflikt verloren haben. Aus gemeinsamem Schmerz entsteht eine Freundschaft – und die Entscheidung, miteinander zu sprechen.

 Von Florian Stegmaier

Als Rami Elhanan und Bassam Aramin einander begegnen, verbindet sie zunächst wenig. Zwischen ihnen stehen all jene Grenzen, die Israelis und Palästinenser*innen seit Jahrzehnten trennen. Dass ihre Lebensgeschichten auf tragische Weise miteinander verknüpft sein würden, können sie zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen.

Ramis dreizehnjährige Tochter Smadar wird 1997 bei einem palästinensischen Selbstmordanschlag in Jerusalem getötet. Bassams zehnjährige Tochter Abir stirbt 2007, nachdem sie von einem israelischen Grenzpolizisten angeschossen wurde. Erfahrungen, die Hass und den Wunsch nach Rache schüren können. Rami und Bassam wählen einen anderen Weg. Sie beginnen miteinander zu sprechen.

Diese Entscheidung steht im Zentrum von Until We Talk, einem Dokumentarfilm des in Kirchheim unter Teck lebenden Regisseurs Florian Mebes. Der Film, der am 8. Oktober in die Kinos kommt, erzählt die Geschichte der beiden Väter. Über 15 Jahre hinweg hat Mebes sie mit der Kamera begleitet: bei Vorträgen und Begegnungen in Israel und den palästinensischen Gebieten, aber auch in Europa und Südafrika. Fertiggestellt wurde die Dokumentation im September 2023, nur wenige Wochen vor dem Hamas-Angriff am 7. Oktober.

Entstanden ist eine Langzeitbeobachtung zweier Menschen, die unter denkbar schwierigen Voraussetzungen zueinandergefunden haben. Rami und Bassam lernten sich im Parents Circle Families Forum kennen – einer Organisation, in der sich israelische und palästinensische Familien zusammengeschlossen haben, die Angehörige im Nahostkonflikt verloren haben. „Der gleiche Schmerz. Die gleichen Tränen. Die gleiche Farbe des Blutes“, erinnert sich Rami im Film an seine erste Begegnung mit palästinensischen Familien.

Doch der gemeinsame Verlust hebt die Unterschiede zwischen ihnen nicht auf. Rami diente seit 1967 in der israelischen Armee, im Jom-Kippur-Krieg verlor er mehrere Freunde. Bassam wuchs unter israelischer Besatzung auf, schloss sich als Jugendlicher dem palästinensischen Widerstand an und saß mehrere Jahre in einem israelischen Gefängnis. Dort begann er, sich mit den Schriften Martin Luther Kings auseinanderzusetzen und seine Vorstellungen von Widerstand und Gewalt zu hinterfragen.

Als Bassams Tochter stirbt, wird die Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Rami und seine Familie stehen Bassam und seiner Frau im Krankenhaus bei. Doch die Frage bleibt: Wird Bassam nach dem Tod der Tochter weiter an den Weg des Dialogs glauben? Der Film gibt darauf keine vorschnelle Antwort. Er erzählt von einem Prozess, der von Trauer, Wut, Zweifeln und Rückschlägen geprägt ist.

Der Dialog geht weiter

Zusehends rücken auch die Söhne der beiden Protagonisten in den Mittelpunkt. Arab und Yigal sind mit dem Verlust ihrer Schwestern aufgewachsen. Arab reagiert zunächst mit Wut und Rachegedanken. Eine Reise nach Deutschland, bei der er sich mit der Geschichte des Holocaust auseinandersetzt, verändert seinen Blick. Heute sind die beiden jungen Männer eng befreundet und treten für Dialog ein. Mebes hat auch sie mit der Kamera begleitet, unter anderem bei Workshops mit jungen Israelis und Palästinensern.

Israel beschreibt Mebes als „Brennglas“: „Weil hier alles aufeinandertrifft: Religion, Geschichte, Schmerz, Hoffnung. Und weil man nirgends sonst so deutlich spürt, wie nah sich Gegensätze kommen können.“ Diese Gegensätze prallen auch im Film aufeinander – etwa 2018 beim „Memorial Day“ in Tel Aviv. Die Feier des Parents Circle Families Forum erinnert an die Opfer beider Seiten und stellt einseitige nationale Narrative infrage. Rund 8.000 Menschen nahmen daran teil. Vor der Halle fand eine Gegendemonstration statt: Rechtsextreme und Nationalisten beschimpften die Hinterbliebenen und bewarfen sie mit uringefüllten Beuteln. Unter den Protestierenden ist auch Itamar Ben-Gvir zu sehen – heute Israels rechtsextremer Minister für nationale Sicherheit im Kabinett Benjamin Netanjahus.

Die Bilder zeigen, wie schwierig es ist, unter solchen Bedingungen am Dialog festzuhalten. Zugleich erklärt Until We Talk diesen Weg keineswegs zum Universalrezept für Frieden. Vielmehr wird deutlich, wie viel es kosten kann, sich dem anderen zuzuwenden. Der Film rückt seine Protagonisten menschlich nahe. Vor der Kamera stehen keine Vertreter politischer Positionen, sondern Menschen, die leiden, lachen, weinen und hoffen.

Verständigung, das macht Until We Talk deutlich, setzt nicht voraus, dass Unterschiede verschwinden. Sie beginnt mit der Bereitschaft, dem anderen zuzuhören – aller Gegensätze zum Trotz.