35 Jahre Liszt-Institut Stuttgart

Christophstr. 7, S-Mitte

https://culture.hu/de/stuttgart

 

Dezső Szabó, Direktor des Ungarischen Kulturinstituts bittet herein.
Foto: Manfred Hantke
Ausgabe: Mai 2025

35 Jahre ungarisches Liszt-Institut in Stuttgart

„Viele progressive, frische Sachen“

Seit langem dümpeln die politischen Beziehungen im deutsch-ungarischen Verhältnis nur dahin. Wäre da nicht das Liszt-Institut, das sich mit seinen Kulturveranstaltungen stets fleißig in Stadt und Land einbringt, bliebe Ungarn vollends unter dem Radar der Öffentlichkeit. So aber lernt das Publikum wichtige Facetten des kulturellen Lebens in Ungarn kennen.

Gerade mal 35 Jahre ist es her, als das ungarische Kulturinstitut am 27. Mai 1990 zur ersten Veranstaltung einlud. Auslöser war die damalige „Zeitenwende“. Da hatte Michail Gorbatschow mit Glasnost und Perestroika für Aufbruch und Neuorientierung gesorgt. Das war die Chance für neue deutsch-ungarische Beziehungen. Ungarn hatte bereits begonnen, den „Eisernen Vorhang“ zu demontieren, mit der Bundesrepublik gab es bilaterale Verhandlungen. Folge: Im März 1988 öffnete das Kulturzentrum der Bundesrepublik in Budapest – zwei Jahre später das ungarische Gegenstück in Stuttgart.

Warum Stuttgart? Darauf weiß Dezső Szabó Antwort. Der 56-Jährige ist mittlerweile der achte Direktor des ungarischen Kulturinstituts. Der süddeutsche Raum habe traditionell gute Verbindungen zu Ungarn, sagt er. Aber München stand als Konkurrent bereit. Doch „die starke Lobby der Ungarndeutschen und das Land Baden-Württemberg mit seiner sehr großzügigen Unterstützung“ hatten den Ausschlag für die Schwabenmetropole gegeben. Dass damals als Sitz des Kulturinstituts das Leonhardsviertel im Gespräch war, lässt ihn etwas schmunzeln. Bei der näheren Besichtigung war den Verantwortlichen das Pflaster nämlich zu schlüpfrig. Sie sahen sich um und fanden eine Villa in der Haußmannstraße 22.

So wurde Stuttgart nach Berlin zweiter Standort – eine Besonderheit in der Welt. Denn nirgendwo in den 24 Ländern mit Kulturinstitut gibt es zwei, die ungarische Kultur an die heimische Bevölkerung vermitteln und den dort lebenden Ungarn kulturelle Heimat sind (die beiden Institute in Rumänien haben eine je andere Ausrichtung). Darauf ist Dezső Szabó auch etwas stolz. Seit Jahrzehnten ist er mit der schwäbischen Region verbunden. Er studierte von 1991 an Germanistik und Geschichte an der Tübinger Uni, schrieb seine Dissertation über Medien und Literatur von 1918 bis 1933 und veröffentlichte Aufsätze über deutsch-ungarische Literaturthemen. Von 2000 bis 2004 war er bereits Sekretär in der Haußmannstraße, nach weiteren Posten in Wissenschaft und Hochschule kam er 2017 als Leiter des Instituts nach Stuttgart.

„Man muss die historische und moralische Verantwortung übernehmen“

2020 folgte dann der Umzug in die Christophstraße, und ein Jahr später die Namensänderung in Liszt-Institut – übrigens auf Initiative des Ministerpräsidenten Viktor Orbán, sagt Szabó. Geändert hat sich seitdem eine Menge. In der Christophstraße kann er durch den Multifunktionsraum technisch anspruchsvolle Veranstaltungen anbieten, außerdem liegt das Institut zentral in der Innenstadt, zieht immer wieder neue Leute an, sagt er. Zahlenmäßig habe sich das Kulturprogramm stets erweitert, inhaltlich ausdifferenziert. Fernab von Puszta-Romantik organisieren er und seine vier Mitarbeiterinnen sehr hörenswerte Jazz- und Klassikkonzerte. „Wir haben hervorragende Komponisten und machen viele progressive, frische Sachen“, so Szabó, neben Liszt wären das etwa Bartók, Kodály, Kurtág, Ligeti und und und. Auch Ausstellungen (noch bis zum 1. Juni ist die Sonderausstellung über Otto von Habsburg im Gerlinger Stadtmuseum zu sehen), Lesungen, Filmvorführungen, Vortrags- und Diskussionsabende bietet das Institut an, beteiligt sich an wissenschaftlichen Projekten mit Unis im Land. Auf dem Terminkalender steht natürlich auch das Sommerfestival der Kulturen, wo das Institut seit vielen Jahren einen Bühnenbeitrag unterstützt.

Auch die eigene ungarische Geschichte geht das Institut kritisch an und thematisiert das von Ungarn begangene Unrecht. Dazu gehören Abende mit Holocaust-Überlebenden und der alljährliche Gedenktag am 19. Januar, der an die Vertreibung der Ungarndeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert. Für das kommende Jahr plant Szabó zum 80. Jahrestag eine größere Veranstaltung. Denn man muss die „historische und moralische Verantwortung übernehmen“.

Finanziert werden all die Veranstaltungen mit staatlichen Geldern aus Ungarn, aber auch durch Drittmittel von Partnern, etwa Stiftungen, Städte und Vereine. Andersherum beteiligt sich das Liszt-Institut finanziell an Projekten der Partner oder organisiert Expert*innen aus Ungarn. So versteht sich das Liszt-Institut als Brücke zwischen den Kulturszenen beider Länder und will den deutsch-ungarischen Dialog fördern. Da knirscht es auf der politischen Ebene schon länger, seit Ministerpräsident Viktor Orbán und seine Fidesz-Partei die eigene und die EU-Bevölkerung immer mal wieder (hart) auf die Probe stellen. „Zeitenwende“ rückwärts? „Wir machen keine aktuelle Politik“, sagt Szabó, der den diplomatischen Status eines Botschaftsrats hat. Er konzentriere sich auf die Kultur, und da habe er „den Eindruck, dass ich vorwärtskomme“, dass er den Dialog wachhalten könne, weil er das Land und das Land ihn kenne. Um den deutsch-ungarischen Beziehungen mal wieder Impulse zu geben, organisiert er derzeit für den 8. Mai ein Podium. Und in der letzten Maiwoche gibt es eine kleine Feier zum 35. Geburtstag. Na denn: Egészségedre – oder: Prost!