Das Leben für den Tee auf den Plantagen in Assam

Preview: So, 19. Juli, 11.00 Uhr
Linden-Museum, S-Mitte
Im Rahmen des Indischen Filmfestivals
www.indisches-filmfestival.de

Verein Bhakti Stuttgart e. V.
www.bhaktistuttgart.de

 

 

 

 

Shammi Singh
Foto: Shammi Singh
Ausgabe: Juli - August - September 2026

Shammi Singh – Dokumentarfilmer und Yogalehrer

„Erst als Erwachsener habe ich meine indische Seite entdeckt“

Von Kommunalpolitik über Marketing und Filmemacher bis hin zum Yogalehrer: Der 38-Jährige Shammi Singh hat schon einiges auf die Beine gestellt. Beim Indischen Filmfestival Stuttgart kann man nun seine Dokumentation Das Leben für den Tee auf den Plantagen in Assam erstmals sehen.

Von Judith Wenk.

Shammi Singh wuchs in Ditzingen auf, war dort für die Grünen im Gemeinderat und hat den Jugendgemeinderat initiiert. Er studierte Politik und Rhetorik und arbeitete im Online-Marketing. Später drehte er – völlig selbst organisiert – einen Dokumentarfilm über indische Frauen. Inzwischen arbeitet er als Yogalehrer und Sound-Healer in Stuttgart, er praktiziert Mantra-Singen, hat einen Verein für Bhakti-Yoga gegründet, der unter anderem Essen an Obdachlose verteilt. Und jetzt stellt er seinen Film über die Teeplantagen in Assam vor.

Doch zurück zum Anfang. Shammi Singh hat eine deutsche Mutter und einen indischen Vater. „Mein Vater ist 1979 aus seiner Heimat Punjab nach Deutschland gekommen.“ Hier angekommen, fanden schnell Shammis Mutter und sein Vater, ein Sikh, zusammen. Die etwa 25 bis 27 Millionen Menschen, die dieser Religionsgemeinschaft angehören, lehnen das Kastensystem ab. Viele Sikh tragen ihr Haar ungeschnitten unter einem Turban.

2009 unternahm Shammi Singh seine erste Reise nach Indien. Leider nach dem Tod des Vaters. Wie es war? „Ich hab Indien erstmal komplett alleine bereist. Ich hab einen Kulturschock gehabt … Überforderung von allem, erzählt er. „Menschen, Gerüche, Armut … Chaos. Da sind so viele Dinge, mit denen man nicht unbedingt rechnet, wenn man in einem westlichen Land aufgewachsen ist.“

Bhakti bedeutet Hingabe

Jetzt aber sagt er: „Je öfter ich nach Indien reise, desto mehr finde ich den indischen Teil in mir.“ Shammi hat seine Yogalehrer-Ausbildung in Indien gemacht. „Ich praktiziere Bhakti-Yoga, das bedeutet der Weg der Hingabe … Es geht darum, die Seele mit etwas Höherem zu verbinden.“

Ende 2017 kündigte er seinen Job im Online-Marketing, Anfang 2018 reiste er nach Indien. „Ich wollte mehr erfahren über die Frauen in Indien, weil ich so oft gehört hatte: Ach Indien, na ja für dich als Mann geht das ja sicher einfacher. Das Bild der indischen Frau als Opfer, das ist sehr kolonial.“ Er startete sein erstes Film-Projekt direkt. „Ich hab dort viele Frauen kennengelernt, die so unglaublich stark und kraftvoll waren, die mich dann weiter geschickt haben, geh doch dort noch hin, sprich doch mit ihr … Letztendlich war der Film meine Ausbildung, weil ich alles alleine gemacht hab. Schnitt, Ton, Musik, es war wild, dass das funktioniert hat.“

Moderne Sklaverei auf den Plantagen in Assam

Der Film Women´s Voice – India´s Choice lief 2019 beim Indischen Film-Festival in Stuttgart. Der Verein Mandelzweig aus Hamburg wurde auf ihn aufmerksam. Mandelzweig setzt sich für faire Teeproduktion und soziale Projekte ein. Sie beauftragten Shammi mit einer Doku über die Teeplantagen in Assam. Daniel Kiwitt hat das Drehbuch geschrieben. Shammi erklärt: „Bei Tee gibt’s eigentlich gar keine Idee, wie das stattfindet. Anders als bei Kaffee, wo schon lange über Produktionsbedingungen berichtet wird. Gerade in Assam durch die Kolonialisierung sind aber Zustände entstanden, die an moderne Sklaverei erinnern. Die Nachfahren der Sklaven sind moderne Sklaven, die Löhne sind so niedrig, die Missstände so riesig.“

Jetzt kann man ihn also sehen: Den Dokumentarfilm Das Leben für den Tee auf den Plantagen in Assam. „Die Plantagen sind auch ein Ort für Menschenhandel“, erzählt Shammi Singh, „wobei Indien da einer der größten Hubs in Asien ist. Es gibt zu viele Arbeitskräfte, vom Lohn können sie kaum überleben, sie leiden auch unter Pestiziden. Dann kommt jemand in die Plantage, verspricht einen guten Job in Delhi …  Den Menschen wird der Pass abgenommen, das Handy getauscht. In Delhis Mittelschichtsfamilien sind sie billige Haushaltskräfte ohne Rechte. Die wenigsten schaffen es zurück und manche werden auch in die Emirate gebracht, dann verschwinden sie endgültig.“

Bringt es etwas fairen Biotee zu kaufen? „Fairer Biotee macht einen einstelligen Prozentsatz aus. Aber so etwas zu kaufen – das ist die Lebensrealität von Arbeiter*innen, der Markt hat die Möglichkeit, Dinge zu verändern.“

Shammi Singh hat diese Erfahrung geprägt: „Zum einen war die Produktion die anstrengendste, die ich je hatte. Weil ich alleine war. Und ich war viel näher an Leid dran, zum Beispiel als ich in den Unterkünften der Arbeiter*innen war. Da gibt es nur Lehmboden. Während des Monsun ist immer alles feucht …  es war sehr berührend zu sehen, wie prekär Menschen leben. Die Plantagen sind superschön anzuschauen, aber die Situation der Menschen ist etwas ganz anderes. Dazu kommt mein spiritueller Weg: Von Mitleid zu Mitgefühl. Die Welt retten – das funktioniert nicht und das lähmt mich. Aber mit Mitgefühl und als Filmemacher kann ich meinen Teil beitragen, dass sich Zustände ändern. Gleichzeitig bringt es mir ganz viel Dankbarkeit … so eine Art von Bildung bekommen zu haben, so eine Art von Beruf zu haben. Dankbarkeit auch dafür, dass ich Indien, mein zweites Heimatland, so kennenlernen darf.“