Lukas MI-Sa Nguyen Egger: Vielleicht im Sommer

Piper, 2026.
272 Seiten.

Lesungen:
Stadtbibliothek Stuttgart
16. Juli 2026, 18 Uhr

Mit Fokus auf Schulklassen ab Stufe 9:
17. Juli 2026, 11.15 Uhr
Stadtteilbibliothek Heslach
17. Juli 2026, 8.30 Uhr

Kostenlose Anmeldung: jungebibliothek@stuttgart.de

Foto: Micha Roth
Ausgabe: Juli - August - September 2026

Schriftsteller Lukas Mi-Sa Nguyen Egger

Zum Beispiel Sauerkraut mit Reis

Lukas Mi-Sa Nguyễn Eggers Debütroman Vielleicht im Sommer handelt von der Leichtigkeit einer beschwerten Jugend. Im Juli kommt der Autor aus Karlsruhe für mehrere Lesungen nach Stuttgart.

Von Marco Ianniello.

„Bist du deutsch?“, wird Kian gefragt. Er sitzt am Frühstückstisch eines Jugendheims. Kians Antwort: „Wenn’s dich glücklich macht.“ Solche Momente spicken den Roman Vielleicht im Sommer und deuten den Hintergrund der Hauptfigur an: Welche Vorgeschichte hat sie wohl? Aber es bleibt bei Andeutungen; alle Infos, die das Jugendamt erfragen würde, werden ausgespart. Gleich die erste Seite zieht die Lesenden mitten hinein in Kians Jetztzeit, die so überwältigend und offen ist wie das Meer, nach dem er sich sehnt.

„Dieses Thema: soziale und kulturelle Herkunft“, sagt der Autor Lukas Mi-Sa Nguyễn Egger, „soll nur leise mitschwimmen.“ Es soll nicht als „Steilvorlage für eine Lehrstunde“ genutzt werden. Im Heim, das einem Gefängnis gleicht, findet Kian einen Freund, das Waisenkind Marco, mit dem er einen Ausbruch wagt. Marco hatte vor Kurzem von der Existenz seiner Halbschwester erfahren, die irgendwo an der Nordsee lebt, vermutlich in Bremerhaven. Ob sie sich über einen Besuch freuen wird? Im Grunde egal, es wartet ja sowieso niemand anderes auf diese zwei Jungs. Wie mit einer Handykamera folgt der Autor den beiden auf ihrer Abenteuerreise, ohne ihnen dabei zu sehr auf die Pelle zu rücken. Es ist zu spüren: er ist einer von ihnen. Nein, nicht mehr ganz. Aus dem Betroffenen ist mittlerweile ein Betreuer geworden.

„Rassismus und Klassismus gehen oft Hand in Hand“

„Armut begleitet mich mein ganzes Leben“, verrät der Autor. Sein Vater, geboren im Vietnamkrieg, kam zum Studium in die DDR. Danach ging er zurück nach Vietnam, kam aber nach dem Mauerfall wieder und mit einer deutschen Frau zusammen, der Mutter von Lukas Mi-Sa Nguyễn Egger. Er, der Jüngste von vier Geschwistern, wuchs in Süddeutschland auf. „Die ökonomische Andersartigkeit war für mich in Bezug auf mein wohlhabend-deutsches Umfeld immer eine größere Kluft als die kulturelle Andersartigkeit.“ Und soziologische Studien bestätigen: Von Armut betroffene Kinder werden mit ihren Begabungen systematisch übersehen. Allerdings, fügt Lukas hinzu, „Rassismus und Klassismus gehen oft Hand in Hand“. Den finanziell und kulturell ausgegrenzten jungen Menschen, die nur den „Modus des Überlebens“ kennen und eine „wahnsinnig starke Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht“ empfinden – von ihnen wollte er ein realistisches Bild zeichnen. Die Kunst könne nämlich Impulse setzen, um sozial aktiv zu werden; ersetzen könne sie die Sozialarbeit jedoch nicht. Heute arbeitet Lukas im Bereich „Inklusion“.

„Die Loyalität in meiner Familie ist unglaublich hoch. Ich führe das auch auf das Aufwachsen zwischen den zwei Kulturen zurück“, was sich zum Beispiel auf dem Esstisch zeigte, wenn es Sauerkraut mit Reis gab. Die Geschichte von Kian und Marco soll realistisch sein und trotzdem nicht trostlos. Erzählt wird von der Leichtigkeit einer beschwerten Jugend. „Die Realität ist kritikwürdig“, schließt Lukas. Und die Wahrheit über die Realität in Armut lebender Kinder ist dem wohlhabenden Deutschland zumutbar.