Mehr als eine Realität – Queere Perspektiven in der Schausammlung

Eröffnung: Do, 23. Juli, 18 Uhr
Dialogische Formate, Führungen, Workshops, Performances und DJ-Sets
Café Dürnitz, Schlosshof und Schausammlung (2. OG)
Landesmuseum Württemberg, S-Mitte

www.landesmuseum-stuttgart.de

Alisha Soraya, Melissa Schlecht und Ida Lilliom (v.l.n.r.) von der Kerngruppe "Mehr als eine Realität: Queere Perspektiven in der Schausammlung".
Foto: Landesmuseum Württemberg, J. Leliveldt, M. Damian
Ausgabe: Juli - August - September 2026

Dauerausstellung zu Queerness im Landesmuseum

Geschichten, die noch nicht erzählt wurden

Ein männlich gelesenes Skelett liegt auf dem Bauch mit feminin aussehendem Schmuck. Die gängige Erklärung: „Der letzte Gruß seiner Liebsten.“ Warum gab es nie die naheliegende Interpretation, dass die Person den Schmuck selbst trug? Ein queerer Blick hinterfragt alte Gewissheiten und schafft Raum für neue Erzählungen.

Von Julia Haaga.

Seit anderthalb Jahren gehen die Stuttgarter Dramaturg*innen und Künstler*innen Ida Liliom und Alisha Soraya Fragen wie dieser nach. „In der Dauerausstellung wird die Landesgeschichte von Württemberg präsentiert, die optisch so wirkt, als gäbe es keine queeren Menschen“, sagt Liliom, Gründerin des Vereins Queerdenker e. V. Was faktisch nicht stimmen könne.

„Alisha und ich haben beide Väter, die nach Deutschland gekommen sind: Alishas Vater aus Italien, meiner aus Ungarn.“ So warfen beide auch einen Blick auf migrantische Geschichten: „Was ist mit den Menschen, die nicht reich waren, abseits von der Norm gelebt haben und deshalb nicht dokumentiert wurden? Wir haben außerdem versucht, über die Kolonialgeschichte zu sprechen – wie nicht weiße Körper dargestellt wurden.“ Queerness müsse immer intersektional betrachtet werden: Gerade auch in westlichen Konzepten, die in Museen unhinterfragt dargestellt würden.

Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen

Zu Beginn sind Liliom und Soraya mit den Kurator*innen durch die Dauerausstellung gegangen und haben diese aus queerer Sicht heraus betrachtet. „Wir haben uns gefragt: ,Warum finden wir uns nicht wieder? Liegt es daran, dass es uns nicht gab? Und die wissenschaftliche Antwort gefunden, dass es nie beschrieben, dokumentiert oder für nötig gehalten wurde.“ Ein Teil der Planungen waren zudem Workshops für Kurator*innen und Besucher*innen im Museum über Intersektionalität, Klassismus und Queerness.

„Fakt ist, dass es schon immer viele Körper und Identitäten in Württemberg gab. Auf Deutsch und Englisch erklären wir Begriffe wie Intersektionalität, Rassismus und Kolonialismus. Wir zeigen außerdem die Geschichte von Charles Woodcock – über die Jahre Partner, Geliebter und engster Vertrauter von König Karl von Württemberg.“

Mehr als eine Realität befasst sich zudem mit Archäologie: „In der Abteilung für das Mittelalter haben wir hinterfragt, warum alle Knochen als cis-hetero interpretiert wurden. Wir beschreiben eine vergessene Interpretation, die auch aus dem wissenschaftlichen Kontext nicht auszuschließen ist. Wir haben versucht, die Geschichten, die noch nicht erzählt wurden, gemeinsam mit der Community durch unsere Körper zu erzählen oder gerade zu rücken.“

Die Community ist überwiegend interkulturell und intersektionell in der SERVE Stuttgart und den Menschen aus dem UTOPIA Kiosk aufgestellt. „Es wird Führungen mit uns geben und wir werden dann gemeinsam in den Sommerabend hineintanzen“, freut sich die Initiatorin.