Gari Pavković
Geboren 1959 in Mostar, Bosnien-Herzegowina, kam mit zehn Jahren nach Deutschland.
Der Diplompsychologe ist seit 1990 bei der Stadt Stuttgart beschäftigt. Der Vater zweier Söhne leitete ab 1991 eine
Erziehungsberatungsstelle und wurde 2001 städtischer Integrationsbeauftragter.
Wohlverdienter Ruhestand für Stuttgarts Integrationsbeauftragten Gari Pavković
Geduld, langer Atem und Verbündete
Herr Pavković, freuen Sie sich auf die freie Zeit oder er- greift Sie Wehmut?
Beides. Ich freue mich, dass das Alltagsgeschäft einer Stadtverwaltung wie das Erstellen von Gemeinderats- vorlagen wegfällt. Wehmütig bin ich, weil ich diesen Job mit Begeisterung gemacht habe und auch die Erfolge sehe. Aber die Integrationsabteilung ist bei meiner Nach- folgerin in guten Händen. Ein bisschen wehmütig bin ich auch, weil unser jüngstes Projekt Haus der Kulturen noch nicht in trockenen Tüchern ist.
Was ist heute in Ihrer Arbeit anders als früher?
In den ersten 10 Jahren gab es den ganz klaren Schwer- punkt Sprach- und Bildungsförderung für neu Zugewan- derte. Denn Sprache ist das Tor zur Teilhabe. Wir waren die ersten, die für Schüler*innen an Haupt- und Werk- realschulen ehrenamtliche Lernpat*innen angeboten haben. Ab 2014/15 verschob sich der Schwerpunkt durch den Flüchtlingszuzug aus Syrien, Irak, Afghanistan auf Flüchtlingsintegration. Früh haben wir die hohe Motiva- tion dieser Geflüchteten erkannt, die bei uns arbeiten wollten. So legten wir Empowerment-Programme für sie auf. Neu ist seit 10 Jahren die Demokratieförderung.
Es ist auch das Thema der Stunde.
Und es wird der Schwerpunkt der Zukunft sein. Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz hat schon 2000 die Leitkultur-Debatte angeführt, aber nicht mit dem Ziel, ein neues Leitbild für Deutschland zu entwickeln. Er fuhr lediglich eine Kampagne gegen Muslime und Zugewan- derte. Derzeit wird die Debatte um Zuwanderer*innen auf eine Weise geführt, die ich schwer mit Artikel 1 Grundgesetz vereinbar finde – „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Natürlich müssen wir politische Lösun- gen finden. Aber diese Diskussion ist reine Symbolpolitik. Sie kann dazu führen, dass sich zugewanderte Leis- tungsträger der dritten Generation nicht mehr willkom- men fühlen und abwandern, etwa in die Schweiz oder nach Übersee.
Sie und Ihr Team wurden mit etlichen Preisen für Ihre Integrationsarbeit ausgezeichnet. Welcher hat Ihnen besonders viel bedeutet?
Wir haben 2005 eine Auszeichnung in einem Wettbe- werb der Bertelsmann Stiftung und des Bundesinnenministeriums bekommen. Daraus ist ein deutschlandweiter, intensiver Austausch mit Städten, Stiftungen, Bundes- behörden und der Wissenschaft entstanden. Stuttgart hat davon sehr profitiert. Gemeinsam konnten wir unsere Arbeit kritisch beleuchten und voneinander lernen. Wel- come-Center etwa gab es schon in Kanada.
Gibt es ein Beispiel, woran Sie sich bis heute die Zähne ausgebissen haben?
Ja. Unsere Ausländerbehörde hat Schwierigkeiten, ihre Aufgaben zeitnah zu erledigen; zu wenig Personal, hohe Fluktuation, hoher Krankenstand. Das klappt auch in anderen Städten nicht wirklich gut. Seit bald 20 Jahren sind wir mit den Stuttgarter Kolleg*innen im Austausch und brachten sie in Kontakt mit Städten, wo es aus unserer Sicht etwas besser funktioniert. Aber wir sind mit unserer Überzeugungsarbeit nicht recht weitergekommen. Viel- leicht haben ausländische Menschen in Stadt und Stadt- verwaltung keine große Lobby. Durch den politisch-media- len Druck bewegt sich jetzt was.
Migration ist in manchen Zeiten ein hochemotionales Thema. Wie schaffen Sie es dann, politische Arbeit zu leisten?
Vielleicht kommt mir meine Ausbildung als Psycho- loge zugute. Man braucht eine gewisse Gelassenheit. Und es ist auch keine Selbstverständlichkeit, dass Politik und Verwaltungsspitze alles mittragen, was man selber für richtig hält. Manchmal braucht es zudem eine gewisse Ausdauer. Wir brauchen also Geduld, einen langen Atem – und Verbündete aus Zivilgesellschaft und Migrantenor- ganisationen. Zudem benötigen wir alle Selbstvertrauen und Zuversicht, dass man mit guter Arbeit etwas erreichen kann.
Sie treten am 1. April in den Ruhestand. Welche Pläne haben Sie?
Ich bin mit meiner Frau und Freunden aktiv in einem transkulturellen Verein, wo wir uns mit Weisheitslehren aus anderen Kulturen und vergleichender Kulturforschung beschäftigen. Ich habe zwei Enkelkinder, ein Haus in Kroa- tien, das auf Vordermann gebracht werden muss, und ich engagiere mich im Verein zur Verschönerung des Bis- marckplatzes. Ich werde auf jeden Fall nicht auswandern.
Was werden Sie in der neuen Lebensphase am meisten vermissen?
Ich hatte das Privileg, viele herzliche, engagierte, be- eindruckende Persönlichkeiten kennenzulernen – jün- gere, ältere, einflussreiche, arme. Als Privatperson werde ich diese Kontakte nicht mehr regelmäßig haben. Ich ver- suche aber, bestehende Kontakte weiter zu pflegen.
Auch werde ich ein bisschen die Bedeutsamkeit ver- missen, die ich als Integrationsbeauftragter hatte. Ich bin dann nicht mehr Mr. Wichtig. Dafür bin ich frei, meine Zeit in Dinge zu stecken, die mir wertvoll sind. Und ich kann weiter Sinnvolles für die Allgemeinheit tun.
Vielleicht als Berater?
Gerne. Wenn man meinen Rat hören will.