Prägungen und Entfaltungen
Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart
8.11.2025–12.4.2026
Nadira Husain im Kunstmuseum
Die Mystik der Brezel
Ein Atelierfoto zeigt Nadira Husain am Werk. Malend sitzt sie da inmitten ihres Gemäldes wie auf einem Teppich, in dem der Westen mit dem Osten verwoben ist. Ihre Bilder sind Spiegel unserer Zeit und Utopie in einem: Menschenfiguren, Fabeltiere, Blumenmotive sind in Manier von Arabesken ineinander verschlungen; es wimmelt von Versatzstücken aus allerlei Medien, Markennamen etwa oder Demo-Schilder, und wo sonst noch dürfen die Schlümpfe dem hinduistischen Gott Krishna auf Augenhöhe begegnen?
Als „bâtarde“ bezeichnet sich die Bildende Künstlerin selbst. Dabei handelt es sich um die weibliche Form des französischen Wortes für Bastard. Auf diese Weise wird das Schimpfwort umgemünzt und aus dem Makel einer zweifelhaften Herkunft eine schillernde Inspirationsquelle. Geboren 1980 in Paris pendelt Husain heute zwischen Berlin, Hyderabad und ihrem Geburtsort. Aber schon von Kindesbeinen an, in der Pariser Wohnung ihrer Eltern bewegte sie sich zwischen den Bilderwelten Europas und Asiens, zwischen indischen Mogul-Miniaturen und dem Kosmos ihrer Lieblingscomics. Husains Vater stammt aus Indien, die Familie ihrer Mutter aus dem Baskenland. „Für mich“, sagt sie, „bedeutet ‚bâtarde‘ nicht nur ein Zwischenraum, sondern ein Ort, wo eine eigene visuelle Kultur geschaffen wird.“
Kommt so auch die Brezel ins Spiel? Ja, die Verwendung der Brezel-Form ermögliche es ihr, mit der lokalen Kultur Deutschlands in Beziehung zu treten, sagt Nadira Husain, und erklärt: „Historisch gesehen hatte sie vermutlich eine sakrale Bedeutung, bevor sie zu einem profanen Symbol für Bäckerzünfte wurde. Ihre formalen Eigenschaften – die Schleife, der Knoten und ihre Fähigkeit, Verbindungen, Unendlichkeit oder sogar ein Herz zu evozieren – verknüpfe ich mit der Mystik des Sufi-Islam.“
Aktuell befindet sich die Künstlerin in einem Dialog mit zwei Geistesverwandten. Das Kunstmuseum Stuttgart stellt Werke des Malers und Grafikers Rolf Nesch (1893 – 1975) den Arbeiten von Nadira Husain und Ahmed Umar (*1988) gegenüber. Alle drei eint, neben der Verarbeitung ihrer Migrationserfahrungen, die künstlerische Methode: das Überschreiten von medialen Grenzen, wobei verschiedene Handwerkstraditionen experimentell weiterentwickelt werden. Husain nutzt ‚Kalamkari‘, eine uralte indische Technik des Stoffdrucks. Zudem stellt sie gerne ihre Gemälde buchstäblich auf eigene Füße und gestaltet sie so zu raumgreifenden Installationen aus.
Die Ausstellung steckt voller Witz und Experimentierfreude, ist aber alles andere als eine naive Multikulti-Feier. Zu konfliktvoll sind die biografischen Hintergründe, zu vielschichtig die Kunstwerke. Dennoch oder gerade deswegen bieten sie Lichtblicke in einer Gegenwart, die allerorten von Verlustängsten verdüstert wird. „Wir können uns glücklich schätzen“, schließt Nadira Husain, „dass interkulturelle Perspektiven heute mehr Aufmerksamkeit bekommen und den eurozentrischen Horizont erweitern.“