6 Millionen. 6 Familien. 6 Wege
– aus Stuttgart in den Holocaust
Im Rahmen der Langen Nacht der Demokratie
2. Oktober 2026, 17–20 Uhr:
FaBiS, Weimarstr. 1, S-Mitte und
Haus der Geschichte Baden-Württemberg, S-Mitte
bis zum 30. Oktober: Rathaus, S-Mitte
www.fabis-bw.de
Lange Nacht der Demokratie
Hinter jedem Strich ein Mensch
Rund sechs Millionen jüdische Menschen wurden im Holocaust ermordet – darunter auch zahlreiche Menschen und ganze Familien aus Stuttgart. Iryna Baliura beschließt, mit ihren Kunstschülerinnen und -schülern sechs Stuttgarter Familien ausfindig zu machen. Denn es gibt zwei Linien der Geschichte, die bei der Langen Nacht der Demokratie parallel verlaufen sollen: die Vergangenheit, das, was wirklich war, und die Gegenwart, also der heutige Umgang damit. So entstand das Projekt 6 Millionen. 6 Familien. 6 Wege – aus Stuttgart in den Holocaust.
Die Künstlerin aus der Ukraine setzt sich mit der Stuttgarter Stolpersteininitiative in Verbindung, um die Geschichten der Familien nachvollziehen zu können. „Im Zentrum stehen dabei auch sechs Wörter, die die Tragödie widerspiegeln“, sagt Baliura, die Jugendliche mit ihrer ruhigen, besonnenen Art dazu motiviert, zwischen Pinseln, Farben und Leinwänden Ausdrucksmöglichkeiten zu finden. „Verlassen, Verstecken, Verschwinden, Verlieren, Vernichten, Vergessen.“
Annäherung an das Unvorstellbare
„Jedes Dokument, jeder Name hat für uns eine besondere Bedeutung.“ Der Tag zeigt sich düster. Graue Wolken ziehen am Atelier vorbei, als die Kunstlehrerin verschiedene Gemälde zeigt. Es sind Interpretationen junger Menschen, die Motive und Umsetzung selbst entwickelt haben. Alle Bilder sind auf quadratischen Leinwänden im Format 1 × 1 Meter gestaltet, die an Stolpersteine erinnern sollen. „Wir erzählen die Geschichte von nur sechs Familien“, sagt Baliura. „Doch diese Geschichten sind eine Annäherung an das Unvorstellbare.“
Auf einem Ölbild ragt die Silhouette eines großen Gebäudekomplexes hervor. Daneben sind Originalfotografien einer Familie wie in einem Stammbaum angeordnet. Stolpersteine liegen vor der Hausfassade. Darunter in Indigoblau:
„Hier lebte die Familie U.: wohlhabend, angesehen, voller Pläne. Niemand konnte ahnen, dass von dieser Familie am Ende nur ein einziger Mensch überleben würde. Die Tochter E. verlor unter der nationalsozialistischen Verfolgung erst ihre Sicherheit, dann ihre Zukunft. 1942 brachte sie ihre Tochter T. zur Welt. Wenige Wochen später wurden beide deportiert. Ihre Eltern L. und H. wurden nach Theresienstadt deportiert und starben dort. Nur F., E.s kleiner Bruder, konnte entkommen. Er wurde Schriftsteller und trug die Erinnerung an seine Familie ein Leben lang mit sich.“ (Anm. d. Red.: Namen abgekürzt, die genauen Umstände lassen sich aus den vorliegenden Informationen nicht zweifelsfrei rekonstruieren.)
„Sich zu erinnern bedeutet, dem Vergessen zu widerstehen“
Ein Festmahl mit Früchten, Gebäck und silbernen Kerzenleuchtern wird auf einem anderen Gemälde von weißen Schatten umgeben. Die sechsköpfige Familie ist diesen Schatten gewichen. Die Menschen, die einst an diesem Tisch hätten sitzen können, sind verschwunden.
„Eine unserer Schülerinnen hat vorgeschlagen, eine Installation in Form eines Raumes zu schaffen, in dem sich Besucherinnen und Besucher für einen Moment gedanklich 80 Jahre in die Vergangenheit versetzen können,“ erzählt Iryna Baliura. Ein langes Band wird die einzelnen Arbeiten der Ausstellung miteinander verbinden. Darauf: sechs Millionen Striche, symbolisch für jeden einzelnen Menschen. „Um die unfassbare Dimension nachvollziehen zu können“, ergänzt Alla Tanunina. Sie will im Druckhaus nach einer langen Papierrolle fragen. Die Gesamtkoordination des Projekts liegt bei ihr. Als Leiterin des Zentrums verantwortet sie die Organisation, Abstimmungen mit Kooperationspartnern, Ausstellungsorte und die Kommunikation rund um FaBiS.
„Erinnerung existiert oft auf diese Weise: in Fragmenten, in Splittern, in einzelnen Bildern und Spuren“, so Iryna Baliura. Das Thema treibt sie um. Auch die Schülerinnen und Schüler haben intensiv daran gearbeitet. „Doch es war ihnen wichtig, bei Recherche und Umsetzung einen Teil dieser unsagbaren Geschichten – gerade auch in Stuttgart – wieder sichtbar zu machen. Wir können die Vergangenheit nicht verändern. Aber wir können zu ihr zurückkehren, sie neu betrachten, versuchen, sie zu verstehen – und vor allem dürfen wir nicht zulassen, dass sie verschwindet. Sich zu erinnern bedeute, dem Vergessen zu widerstehen. Die Führungen übernehmen unsere Jugendlichen selbst, also die jungen Menschen, die die Kunstwerke gemalt haben“, schließt Schulleiterin Alla Tanunina stolz.
Begegnung über Herkunftsgrenzen hinweg
FaBiS e. V. ist ein Zentrum für Familie, Bildung und Kultur mit Angeboten in Kunst, Sprache, Bildung, Begegnung und Teilhabe. Für Kinder, Jugendliche und Familien gibt es Sprachförderung, Nachhilfe, Betreuung sowie Kunst-, Theater- und Programmierkurse. Aus den Kunstkursen entstand das Projekt „6 Millionen. 6 Familien. 6 Wege – aus Stuttgart in den Holocaust“. FaBiS bringt zudem aus der Ukraine geflüchtete Kinder und Jugendliche mit Menschen zusammen, die seit Langem in Stuttgart leben. Ziel sind bessere Bildungschancen, gesellschaftliche Teilhabe und Begegnung über Herkunftsgrenzen hinweg. Für weiteres Wachstum sucht das Bildungszentrum geeignete Räume zur dauerhaften Nutzung. Anfragen an Alla Tanunina: info@kit-bw.de.