Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg

Schlossstr. 92
S-West
www.hdhbw.de

Öffnungszeiten:
Mo, Di, Do 9–15.30 Uhr
Mi 9–18 Uhr
Der Osten im Westen, Jubiläumsfest
Fr, 9. Oktober 2026, ab 15 Uhr
Weitere Infos zum Projekt

Foto: Sylvia Rizvi
Ausgabe: Oktober 2026

Das Kunstprojekt KOFFER.GESCHICHTEN und 50 Jahre Haus der Heimat

Ein Koffer voller Erinnerung

Ein Koffer kann viel erzählen. Im Kunstprojekt KOFFER.GESCHICHTEN haben Studierende der Merz Akademie Geschichten von Deutschstämmigen aus dem östlichen Europa gesammelt und in 13 Kunstobjekte übersetzt. Anlass ist das 50-jährige Bestehen vom Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg. Eine dieser Geschichten erzählt die Enkelin einer Spätaussiedlerin aus Kasachstan.

Von Sylvia Rizvi

„Meine Oma hat ihre Erinnerungen niedergeschrieben“, berichtet die Studentin Lara Bonet. Mit deren Notizbüchlein gestaltete die künftige Grafikdesignerin ein Kunstobjekt über ihre Großmutter Elvira. Die Rentnerin und gelernte Erzieherin wurde 1955 in Temirtau (Neudorf) in Kasachstan als jüngstes von sieben Geschwistern geboren. Die Enkelin erfuhr, wie prekär die Versorgungslage in dem deutschsprachigen Dorf gewesen war, stets war die bange Frage, ob die Ernte für alle reichen würde. Elvira heiratete. Als ihr erster Sohn geboren wurde – Laras Vater – wanderte die junge Familie 1991 aus. „Die Kinder sollten eine bessere Zukunft haben.“ Elvira ließ ihre Möbel zurück, ja ihren ganzen materiellen Besitz. Es war es ein Wagnis. „Ich hatte Angst, unsere Existenz aufs Spiel zu setzen – aber auch Hoffnung“, schrieb Elvira in ihr Buch.

Der Osten im Westen

Die Geschichte von Lara und Elvira ist Teil des Kunstprojekts KOFFER.GESCHICHTEN – ein Gemeinschaftsprojekt der Hochschule für Gestaltung und des Hauses der Heimat des Landes Baden-Württemberg (HdH BW). „Ziel ist es zu zeigen, dass das östliche Europa unter uns lebt und dass sich Kulturen gegenseitig beeinflussen und verändern“, sagt der Leiter des Kunstprojekts Mate Eichenseher vom HdH BW. Seit 27. Juli sind die Exponate einzeln in der ganzen Stadt zu sehen, etwa im Hospitalhof, im Literaturhaus und in Bibliotheken. Zum 9. Oktober kehren die 13 Objekte ins HdH zurück – dem Tag des Jubiläumsfests.

Das Haus der Heimat wurde 1976 gegründet und ist eine Kultur- und Bildungseinrichtung des Landes Baden-Württemberg mit einer gut sortierten Bibliothek. Anfangs war es für Vertriebene des II. Weltkriegs und deren Landsmannschaften aus Schlesien, dem Sudetenland oder Ostpreußen vor allem ein Ort der Traditionspflege und Ersatz für die verlorene Heimat. Mit der Charta der deutschen Heimatvertriebenen (1950) hatten sie auf Vergeltung verzichtet und ihre Bereitschaft erklärt, sich für ein friedliches und geeintes Europa einzusetzen. Nach dem Zerfall des Ostblocks kamen Spätaussiedler aus Russland, der Ukraine, Kasachstan, Rumänien oder Ungarn und fanden im Haus der Heimat eine Anlaufstelle. Sie waren ausgewandert wegen Diskriminierung, der schlechten wirtschaftlichen Lage oder dem Wunsch, in die „alte Heimat“ zurückzukehren.

Heimatkunde als Weltkunde

Noch immer haben Landsmannschaften dort Räume. Weil aber nur noch wenig Zeitzeug*innen der Vertreibungen leben, bringen jüngere Generationen neue Perspektiven ein. Sie stoßen Dialoge an und bieten Bausteine zur Bildung einer eigenen Meinung. Es gibt Lesungen, Ausstellungen, Vorträge, Diskussionen und Konzerte – etwa zu Schriftstellerinnen aus dem östlichen Europa wie Mascha Kaléko oder zur Königsbergerin Käthe Kollwitz. Es gibt Poetry Slams zu Rilke oder Schüler*innen-Wettbewerbe zu Flucht und Vertreibung. „Unser Thema ist so vielfältig, dass wir auch für die nächsten 50 Jahre noch interessantes Material finden, das wir unserem Publikum anbieten können“, sagt die Leiterin des Hauses der Heimat, Christine Absmeier. „Zudem sind unsere Themen heute aktueller denn je, etwa mit Blick auf Flucht- und Auswanderungsbewegungen.“ Besonders junge Menschen möchte Absmeier ansprechen. Das HdH BW beteiligt sich deshalb an Ausstellungsprojekten mit Schüler*innen; Lehrkräfte können Workshops buchen.

Zwei Heimaten

Und wie erging es Laras Großmutter? Haben sich ihre Hoffnungen bestätigt? „Besser als du es dir vorstellst“, erzählte Elvira ihrer Enkelin. Über Moskau und Frankfurt/Main kam die Familie in eine hessische Kleinstadt. Sie wurde freundlich aufgenommen und erhielt eine kleine Wohnung. Weil die Großmutter gut Deutsch sprach, fand sie schnell einen Job in einer Kita und später in der Pflege. Ein zweiter Sohn wurde geboren. Schließlich haben die Großeltern ein Häusle gekauft, wo sie heute leben. Elvira bereut ihre Entscheidung nicht. Trotzdem bleibt ein Wermutstropfen. War sie in Kasachstan „die Deutsche“ gewesen, so war sie in Deutschland die „Russlanddeutsche“.

„Meine Oma hatte zwei Heimaten, eine kasachische Heimat, in der sie geboren wurde, und eine Heimat in Deutschland, in der sie mit ihrer Familie lebt“, sagt Lara Bonet. Für die Enkelin selbst ist Heimat ein Ort, an dem sie sich sicher und geborgen fühlt – ihr Zuhause, ihre Familie und ihr Partner.