Horizontaler Gentransfer
Everything Possibbong
Label: treibenderteppichrecords
Album-Release: 5. Juni 2025
Kunstprojekt und Band: Horizontaler Gentransfer
„K-Pop ist mein Punk“
Mizi Lee hat ins Künstlerhaus in Stuttgart-West eingeladen, hier hat sie für ihr Kunstprojekt – die vor drei Jahren gegründete Band Horizontaler Gentransfer – momentan ein Atelier. Der außergewöhnliche Name verrät viel über Mizis Verständnis von Identität. Sie wählte den Begriff aus der Mikrobiologie. Er bedeutet die Übertragung von genetischem Material von einem Organismus zum anderen bereits existierenden. „Das heißt, unsere Organismen sind alle permanent miteinander im Austausch und übernehmen etwas voneinander, wo auch immer wir sind.“ Wie sehr macht uns unsere Herkunft damit überhaupt noch zu dem, was wir sind? Abstammung verliert hier mehr und mehr an Bedeutung, weshalb diese Schublade für die Musikerin auch nie eine besondere Relevanz zu haben scheint.
Vom großen Flur aus geht es hinein: Das Atelier ist gemütlich-chaotisch, irgendwo steht ein Keyboard. Ein kleines Sofa verweist darauf, dass es sich die Band hier gerne gemütlich macht, wenn sie Inspiration braucht. Mizi Lee hat an der Kunstakademie Stuttgart studiert mit dem Ziel, alle dortigen Werkstätten und Ateliers für ihre Kunst auszuprobieren, da die Idee das Material bestimmen soll. „Das war es, was mich so an der Stuttgarter Hochschule fasziniert hat“, erzählt sie im Gespräch bei einer Tasse Tee. Und so entstand die Entscheidung, nach dem Kunststudium in Seoul 2014 nach Stuttgart zu ziehen.
Während andere als Abschluss ihres Kunststudiums Ausstellungen planen, war für Mizi schnell klar, dass das nichts wird: „Dieses Ausstellungsritual aus weißen Wänden, Sekt und Rede hat mich so gelangweilt – meins ist das Spektakel“, erklärt sie. Ihr Abschlussprojekt sollte eine Band sein. Sie begab sich auf die Suche nach Musikerinnen und 2022 hat sich Horizontaler Gentransfer gegründet.
„Die Band fühlt sich für mich ein wenig an wie Freunde, Liebesbeziehung, Familie und Start-up Company in einem.“
„Ich bin da irgendwie reingerutscht“, erzählt Seonha Park. „Und am Ende war ich plötzlich die Fotografin, Technikerin und zweite Sängerin.“ „Ich hab euch dann in ein türkisches Restaurant eingeladen und gefragt, ob ihr für mein Diplom spielen wollt“, erinnert sich Mizi, deren Leben sich durch die Band völlig verändert hat. „Die Band fühlt sich für mich ein wenig an wie Freunde, Liebesbeziehung, Familie und Start-up Company in einem.“
Für das erste Album schrieb Mizi dank der Künstler*innen-Residenz Raumstation in einem alten Waggon am Stuttgarter Nordbahnhof die Songs; im Ohr die Musik der goldenen Zitronen und von Georg Kreisler, an den Wänden Songtexte aus dem K-Pop, ein Begriff, der sich für koreanische Popmusik als Genre etabliert hat. „Zwischen Mondlicht, S21-Kränen und Holunderblüten-Pollen sind die ersten Songtexte entstanden – mit meinen eigenen Worten aber auch ganz vielen Zitaten.“ Entstanden sind Songs im Sprachenmix Deutsch-Koreanisch-Englisch, die Alltagsbegebenheiten aufzeigen und die Gesellschaft entlarven. Es geht mal um die Butterbrezel, mal um Identität oder Rassismus – hier wird dem Publikum auch gerne der Spiegel vorgehalten. „Auch wenn die Musik mir nicht hilft, mit Rassismus klarzukommen, stellt sie so zumindest eine Möglichkeit dar, das Publikum auf lustige Art in diese unangenehme Situation zu versetzen“, erzählt Lilian. „Es hat etwas Absurdes, wie ich es auch erlebt habe, als ich zum ersten Mal mit Rassismus konfrontiert war.“
Mittlerweile haben sich die Aufgaben der Musikerinnen in der Band verändert, für das zweite Album haben alle ihre Ideen zusammengeworfen. Seonha sieht in diesem gemeinsamen Entwickeln der Songs den Punk, mit dem sich die Musik von Horizontaler Gentransfer am ehesten beschreiben lässt. Doch auch K-Pop ist ein wichtiges Element. „In den Mathestunden habe ich als kleine Rebellion heimlich K-Pop gehört“, erzählt Mizi, „daher ist für mich auch K-Pop Punk“. Die sechs Musikerinnen haben für das zweite Album das koreanische Genre Bbong erforscht. Lilian erklärt: „Das ist wie Schlager, aber es klingt natürlich ganz anders als der deutsche Schlager.“
Ihre Musik kommt an, schon bei ihrem ersten Konzert waren sie über die vielen Menschen im Publikum erstaunt. Im Juni erhält die Band den Hans-Molfenter-Preis, Kunstpreis der Landeshauptstadt Stuttgart. Zu diesem Anlass ist die Band am 27. Juni mit einer Konzert-Performance im Kunstmuseum zu sehen.