Das Empowerment-Netzwerk Baden-Württemberg
Das Empowerment-Netzwerk BW vernetzt über BIPoC aus Kunst, Kultur, Wissenschaft und Aktivismus. Gefördert von Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg & Zentrum für Kulturelle Teilhabe Baden-Württemberg. Mehr unter Empowerment Netzwerk
Leseempfehlung:
Was uns empowert – Geschichten von FLINTA of Color
Hrsg. von Ellen Wagner, Elizabeth Adjei-Acheamfour, Mia Hoàng Dung Vũ und Meieli Borowsky-Islam
Unrast Verlag, 2023.
Das Empowerment-Netzwerk Baden-Württemberg stellt sich vor
Wir brauchen Safe(r) Spaces – und nehmen sie uns
Die Linsen köcheln schon leise, als ich in der kleinen Küche stehe, den Kreuzkümmel – die wichtigste Zutat für den arabischen Touch – reinschütte und die Räume hier bei Afrokids e. V. zu duften beginnen. Wir sind dankbar, dass wir unser Treffen heute hier veranstalten dürfen – Farina, die sich bei Afrokids engagiert und selbst schon lange Teil unseres Netzwerks ist, hostet das Treffen mit. Während sie den Koriander fürs Topping schneidet, richtet Malayika die Tische für eine gemütliche Atmosphäre. Es ist einer der ersten warmen Tage im April und ich weiß: Es wird ein guter Tag.
Die gemeinsamen Treffen an verschiedenen Standorten in Baden-Württemberg sind das Herzstück des Netzwerks für Künstler*innen, Kulturakteur*innen, aber auch Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen. Malayika und ich organisieren als Projektmanagementteam die Angebote. Regelmäßige Online-Check-Ins und Newsletter sowie ein jährliches Retreat gehören dazu. In einer Signalgruppe tauschen wir interessante Stellen, Veranstaltungen und unterstützen bei Fragen. Gerade in Zeiten rechter Politik und zunehmendem Rassismus sind das notwendige Safe(r) Spaces für uns BIPoC. Viele erleben durch den strukturellen Rassismus Ausschluss aus wichtigen Netzwerken, Ressourcen und Sichtbarkeit. Diese Ausschlüsse bleiben oft unsichtbar, hinterlassen jedoch Spuren.
Gerade deshalb braucht es neben strukturellen Veränderungen geschützte(re) Räume – das Empowerment-Netzwerk BW schafft solche Safe(r) Spaces. Hier teilen wir Erfahrungen, stärken unsere Resilienz, teilen Ressourcen und können uns entfalten – und vielleicht auch ein Stück weit heilen. Einige sind heute zum ersten Mal da, für andere ist es ein Ort, der sich längst vertraut anfühlt. Draußen in der Sonne, auf der runden Bank, beginnt der Check-In – wer mag, darf sich mitteilen, vorstellen, erzählen.
„Wie eine Insel im Meer, wo ich mit allen Facetten da sein darf und ein Teil in mir Ruhe findet“, sagt Muna über das Netzwerk. Und Idzumi ergänzt: „Einer der wenigen Räume, in denen ich sein kann – ohne mich erklären zu müssen. Und es ist schön, dass Dinge hier einfach geschehen können, nicht nach Plan.“ Auch für mich ist das Netzwerk ein wichtiger Anker geworden, von dem ich mir nicht bewusst war, dass er gefehlt hat. Ich muss mich nicht verstellen und lerne viel – über meinem Umgang mit Rassismen, über meine Bedürfnisse als Frau of Color, Muslima, Palästinenserin, aber auch über die Perspektiven anderer marginalisierter Menschen.
Einfach sein dürfen I I like it like that
Nach dem ersten Austausch wollen wir uns kurz bewegen. Aus dem Spiel Spiegelbild, bei dem zwei sich spiegeln, entsteht Freedance. Verlegenheit wird zu Freude. Ich drehe I like it like that von Pete Rodriguez auf. Safe(r) Spaces sind Orte ohne Zwang und Leistungsdruck. Etwa 100 Menschen sind Teil des Netzwerks. Uns verbindet der Wunsch, Räume zu schaffen, in denen wir sensibel miteinander umgehen – auf Basis einer rassismuskritischen Haltung. Unsere Treffen folgen keinem starren Ablauf. Neben Impulsen, Workshops oder Gesprächsrunden fragen wir uns immer: Was brauchen wir heute?
Heute stellt Camila die Aktion 1000 Grullas por la paz-1000 Friedenskraniche, Senbazuru 千羽鶴 (Instagram: _senbazuru) vor – einem kraftvollen Impuls zu Frieden bzw. Gerechtigkeit und Verbundenheit. Danach entsteht ein intensiver Austausch, unter anderem zum Thema kulturelle Aneignung. Perspektiven werden sichtbar , der Raum wird zum Lernraum. Das gemeinsame Falten von Origami-Kranichen bringt uns noch einmal zusammen. Es bleibt nicht beim Falten von Papier – wir falten Gedanken, Erfahrungen, Kritik.
Mehr Perspektiven von Kunst- und Kulturakteur*innen of Color
Im Bereich Kunst und Kultur fehlen sichere Räume, in denen sich Künstler*innen und Kulturakteur*innen of Color offen über ihre Arbeit und die Herausforderungen durch rassistische Strukturen austauschen können. So entstand überhaupt die Idee für das Empowerment-Netzwerk. Im Rahmen des Landesprogramms Diversität als Aufgabe vom Forum der Kulturen Stuttgart wurde deutlich: Die Perspektiven, Erfahrungen und Bedarfe von BIPoC im Kunst- und Kulturraum fehlen häufig – sie werden in bestehenden Strukturen kaum mitgedacht. Aus einer Bedarfsanalyse entstanden viele Vorschläge, einer davon: ein nachhaltiges Netzwerk für Kunst- und Kulturakteur*innen of Color.
Zwischenzeitlich haben wir uns nicht nur eine gute Linsensuppe gegönnt, sondern wurden auch mit leckeren Kochbananen, Falafel und Fingerfood von Patacon Obi versorgt. Wir sind wieder draußen und Idzumi trägt einen sehr intimen Text vor, den sie für Geschichten von FLINTA* of Color geschrieben hat. Es wird still. Wir sind berührt von den klaren Worten, in denen sich viele wiederfinden können. Und ich spüre: Empowerment ist auch das, was passiert, wenn jemand deine Wunde nicht wegwischt, sondern mit dir hinschaut.
Der Abend endet mit einer offenen Bühne. Malayika holt die Gitarre. Spoken Word, Trommeln, Gesang – wir sind mitten in einer Jam-Session voller Intimität, Kraft und Kunst. Ich sehe in die Gesichter, schließe die Augen. In einer Zeit, in der rechte Stimmen lauter werden, wissen wir: Das hier ist unser Raum. Kein Rückzugsort – sondern ein Ausgangspunkt für Veränderung, im Großen und Kleinen. Für Solidarität. Für Widerstand. Und den nehmen wir uns.