Verband binationaler Familien und Partnerschaften
Infokasten:
1972 gründete Rosi Wolf-Almanasreh die Interessengemeinschaft der mit Ausländern verheirateten Frauen (iaf), die 1997 im Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e. V., aufging. In Frankfurt am Main befindet sich die Bundesgeschäftsstelle. Die Bundesgeschäftsführerin ist Anna Sabel.
https://www.verband-binationaler.de
Cheryl Frank-Heinze
Feeling Irie – Psychologische Workshops, Seminare und Beratung
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Bikulturelle Partnerschaften
Gute Mixtures
Der erste warme Sonntag des Jahres: Draußen brodelt es; das Frühlingsfest auf dem Wasen kommt gerade in Schwung. Hier drinnen aber im Prisma, einem Kulturzentrum nahe des Bad Cannstatter Bahnhofs, herrscht eine andere Volksfeststimmung, intimer, familiärer. Auf dem Herd köchelt leise im großen Topf ein Leibgericht Westafrikas: Domoda. An der Küchenzeile steht Kemo Ceesay. Er und Stefanie sind das Gastgeberpaar dieser Treffen von Paaren, die eine binationale und interkulturelle Geschichte haben. Mal erscheinen zehn, mal dreißig Gäste, manche solo, andere in Begleitung ihrer Kinder. Und alle helfen heute mit bei der Zubereitung des westafrikanischen Eintopfs; am Esstisch werden Kartoffeln, Knoblauch, Karotten geschnippelt. Im sonnenhellen Gemeinschaftsraum verbreitet sich der Duft des Erdnusssuds inklusive eines Hauchs Chili. Er mache es, sagt Kemo, nicht so spicy wie in Gambia. Stefanie isst es lieber milder.
Zig Zufälle und zwei verschlungene Lebenswege haben die beiden zusammengeführt, vor zehn Jahren, mitten in Zürich, beim Techno-Beat der Street Parade. Geradlinig ging es von da an jedoch keineswegs weiter. „1095 Tage waren wir zwangsweise getrennt“, setzt Stefanie an, stockt und schaut zu Kemo. Jetzt könnten sie viel erzählen: vom zermürbenden Visumverfahren, von den hohen Anwaltskosten und den hohen Mauern der Festung Europa, und von Leuten mit versteinerten Haltungen. Jetzt nur soviel: „Es hat lange gebraucht, bis wir erkannten: Nicht wir sind das Problem.“ In diesem Moment purzeln aus dem Nebenraum die Kinder herein und verscheuchen die Schatten, die sich kurz auf die Gesichter des Gastgeberpaars gelegt hatten.
Weltumspannende Familienkreise

„Deutsche Gerichte schmecken mir oft zu – wie sagt man? – fad“, meint Cheryl Frank-Heinze verschmitzt lächelnd. In ihrer Küche wird daher spicy gewürzt, mit Curry, Ingwer, Habañero-Chillies. Jerk-Mischungen, in denen sich der einzigartige Kulturenverbund ihres Herkunftslands spiegelt, Trinidad und Tobago, dieser kleine Inselstaat zwischen Südamerika und der Karibik. In New York studierte Cheryl Electrical and Computer Engineering und lernte einen Austauschstudenten aus Berlin kennen, Stefan. Als sie beide ein Jobangebot von Mercedes Benz erhielten, fragten sie sich: von New York nach Stuttgart? Und sagten schließlich: Why not?!
Cheryl standen die Türen offen; anders als bei Kemo. In der Phase der erzwungenen Trennung suchte Stefanie nach Verbündeten und schloss sich dem Verband binationaler Familien und Partnerschaften an. Neben der Zentrale in Frankfurt gibt es bundesweit verschiedene Ableger und Kontaktstellen, und seit 2021 die Regionalgruppe Stuttgart-Tübingen. Juristische Beratungen, Diskussionsforen und Familienfeste stehen auf dem Programm – für eine Zielgruppe so facettenreich wie die Farbkombis einer Aquarellpalette. In eine Schublade pressen lässt sie sich nicht, einerseits. Im Englischen steht der weite Begriff Mixed Couples zur Verfügung. Andererseits verbindet sie alle, dass sie Grenzen überschreiten, und zwar auf die radikalste Weise: Sie bauen Brücken, nein, mehr noch pflanzen sie Ranken der Verwandtschaft über reale und vermeintliche staatliche, religiöse, kulturelle Gräben hinweg. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, überall und zu allen Zeiten waren die „gemischten“ Paare und ihre Kinder Widerständen ausgesetzt. Der Historiker Michael Jeismann sieht in ihnen nicht nur ein Kaleidoskop, sondern gar die „Trigger-Punkte im Körper einer Gesellschaft“. Abgesehen von der Gastronomie oder der Musik, wo Vermischungen akzeptiert, zeitweise hip sind, fördern sie ihm zufolge tiefsitzende Ängste zutage und triggern Abwehrreflexe. Im alltäglichen Sprachgebrauch äußern sie sich in abwertenden Worten und Wendungen.
Die Kinder der Mixed Couples
Delicious, delicious… macht es die Runde beim Domoda-Essen. Die Sommerzeit wird eingeläutet. Zum Nachtisch wandern Scheiben von einer Wassermelone herum, wie Grüße und Rufe aus all den Ländern, von Mexiko bis China, die bei diesen Familientreffs in Bad Cannstatt vertreten sind. „Wir möchten den Rest unserer Elternzeit nutzen und für mehrere Wochen in Gambia sein“, sagt Stefanie. Sie schätzt es sehr, Kemo in seinem vertrauten Umfeld zu erleben. Er strahle nach diesen Heimatbesuchen immer für eine ganze Weile. Die Kehrseite: die Zerrissenheit zwischen zwei Heimaten.
Für alle Paare dieser Treffs ist es selbstverständlich, dass sie ihre verschiedenen Kulturen pflegen und präsent halten, vor allem für ihren Nachwuchs, die Mixed Kids. Manche Entwicklungen, wird berichtet, stimmten zwar zuversichtlich; dennoch herrsche in Deutschland, speziell in den Schulen noch das Schubladendenken vor. Das Aussehen und der Name bestimmten zu stark, ob du als Individuum wahr- und ernstgenommen wirst. Bei den Mixed Couples sind sie allesamt da, die altbekannten Themen rund um den Komplex Einwanderungsland. Doch gewinnt er eine neue Facette. „Wir wollen unseren Kindern vermitteln“, sagen Cheryl und Stefan: „Ihr seid alles und dürft alles sein – karibisch, amerikanisch und deutsch.“ Auch deshalb bietet Cheryl Workshops an, in denen die ganze Bandbreite an Unsicherheiten thematisiert und reflektiert wird; etwa auch jene von Weißen Müttern mit Schwarzen Kindern. „Diese Frauen“, erläutert Cheryl, „erfahren bestimmte Aspekte des Lebens als Person of Color erst seit ihrer Mutterschaft. Ich kenne diese Realitäten schon mein ganzes Leben.“
Am Esstisch wird es lebhafter, diskussionsfreudig. Kemo bringt eine andere, typische Herausforderung zur Sprache. Er möchte seine Muttersprache, Mandinka, an den Sohn weitergeben. Nur ist das kein Kinderspiel, wenn du der einzige im Alltagstrott bist, der diese Sprache sprechen kann. Kemo und Stefanie sprachen anfangs Englisch miteinander, mittlerweile überwiegend Deutsch. Apropos Gesellschaft und Schule: Nicht alle Zweitsprachen seien willkommen – da nicken viele Köpfe aus Erfahrung. Und in den Zwischentönen wird ein gemeinsamer Traum laut: Wäre es nicht wunderbar, die Ängste vor den Fremdsprachen abzubauen, in der sprudelnden Sprachenvielfalt eine Glücksquelle, Babel als Paradies zu verstehen? Why not?!
Von den vielen Tischgesprächen bleibt ein Kerngedanke: Deutschland wird seit jeher von Einwanderung geprägt, von den Vertriebenen der Nachkriegszeit über die „Gastarbeiter*innen“-Ära bis zu den Geflüchteten unserer Tage, aus Syrien und der Ukraine. Es kamen nicht nur Arbeitskräfte, Gaststudierende oder Asylsuchende, es kamen Menschen, die zu Familienmitgliedern wurden.
Im Hinblick auf das Erstarken der Neuen Rechten und die Versuche, den Diskurs zu vergiften: Deren sogenannte „Remigration“ würde für die Kinder der Mixed Couples bedeuten, zwischen Vater- und Mutterland zerrissen zu werden, im wahrsten Sinne des Wortes.
Draußen brodelt es unaufhörlich; das Frühlingsfest ist in vollem Gange. Nach und nach mischen sich die Gäste dieses kaleidoskopischen Familientreffs wieder unter die Stuttgarter Bevölkerung, die laut Statistik weit über hundert Sprachen spricht.