Ohne Würde gibt es keinen Frieden
Gespräch mit Flavie Singirankabo.
Di, 9. Juni 2026, 19 Uhr
Stadtbibliothek, S-Mitte
Veranstalter:
Forum der Kulturen Stuttgart e. V., Stadtbibliothek Stuttgart, Landeszentrale für politische Bildung BW
www.forum-der-kulturen.de
Interview mit Flavie Singirankabo
„Was brauchst du, Deutschland?“
Schauen wir auf Kriege und gesellschaftliche Spaltung weltweit: Fehlt es am Anerkennen gegenseitiger Würde?
Menschen sehnen sich danach, ihre eigene Würde zu erfahren. Viele erleben jedoch früh das Gegenteil: nicht gewollt, nicht anerkannt oder nicht zugehörig zu sein. Wird die Würde eines Menschen immer wieder infrage gestellt, hat dies weitreichende psychosoziale Folgen. Das Nervensystem gerät unter Stress, Scham und Selbstzweifel entstehen, Identität wird brüchig. Menschen verlieren Kraft – auch für Integration, gesellschaftliche Verbindung und demokratische Teilhabe.
Deshalb gilt für mich: Ohne Würde gibt es keinen Frieden. Nicht für den Einzelnen und auch nicht für eine Gesellschaft. Frieden beginnt dort, wo Menschen einander in ihrer Würde anerkennen – selbst dann, wenn Wunden, unterschiedliche Erfahrungen oder Konflikte da sind. Wir dürfen hinter Meinungen niemals den Menschen vergessen.
Warum ist Würde für dich persönlich so wichtig?
Meine Familie stammt aus Burundi, meine Vorfahren sind sowohl Hutu als auch Tutsi. Das Erleben des Genozids hat mich geprägt. Mein Sein verdanke ich dem Mut anderer Menschen – nicht einer bestimmten Staatsangehörigkeit. In solchen Momenten zeigt sich, was Würde wirklich bedeutet: die Menschlichkeit im anderen bedingungslos anzuerkennen.
Welche Folgen hat Entwürdigung gesellschaftlich?
Entwürdigung beginnt oft dort, wo Gruppen abgewertet werden, um schnell Schuldige für komplexe Probleme zu finden. Menschen mit Migrationsbiografie erleben das bis heute häufig – durch Beschämung, Misstrauen oder subtile Ausgrenzung. Solches Verhalten ist häufig von Minderwert und Machtstreben geprägt.
Wenn Menschen dauerhaft vermittelt wird, nicht dazuzugehören, entstehen Rückzug nach innen, Vermeidung, Trauma und tiefe Verletzungen des Selbstwerts. Gleichzeitig verliert auch die Gesellschaft ihre soziale und sicherheitsspendende Kraft. Demokratie lebt jedoch von gegenseitigem Respekt und der Fähigkeit, Unterschiede auszuhalten, ohne Menschen abzuwerten.
Deutschland ringt stark mit seiner Geschichte. Wie blickst Du darauf?
Deutschland hat in der Aufarbeitung viel geleistet. Gleichzeitig spüre ich oft eine große Verkrampfung und Angst, etwas falsch zu machen. Hinter dieser Spannung liegt aus meiner Sicht viel unbewusste Scham. Deshalb stellt sich für mich die Frage: Was brauchst du, Deutschland? Vielleicht braucht es weniger Perfektionsanspruch und mehr wahrhaftige Begegnung. Wir alle tragen Geschichten in uns – persönliche, familiäre und gesellschaftliche. Traumatische Erfahrungen wirken oft über Generationen im sozialen Nervensystem weiter. Wenn wir anfangen, diese Geschichten gegenseitig anzuerkennen, kann Verbindung entstehen. Würde bedeutet, dass Erfahrungen – sowohl stärkende als auch schmerzliche und schambehaftete – nebeneinanderstehen dürfen. Was uns im Erlebten verbindet, kann Vertrauen und Mut für notwendige Veränderungen in Deutschland stiften.
Was bedeutet Würde für die Zukunft Deutschlands?
Würde ist die oberste Priorität der Verfassung dieses Landes. Würde kann den Weg zur nächsten Reifestufe unserer Vielfaltsgesellschaft ebnen, wenn wir uns als Einzelpersonen und Gesellschaft immer wieder bewusst dafür entscheiden.
Deutschland ist längst nicht mehr nur ein Einwanderungsland. Es hat die Chance, ein Erneuerungsland zu werden – ein Land, das aus der Vielfalt seiner Bürger*innen schöpft. Eine lebendige Demokratie braucht Menschen, die sich gesehen und in ihrer Würde anerkannt fühlen. Dafür brauchen wir sichere Räume, in denen Menschen einander mitfühlend zuhören, sich in ihrer Geschichte erkennen und gemeinsam Zukunft gestalten dürfen.