Interkulturelle Brückenbauer*innen

Kontakt:
Landeshauptstadt Stuttgart
Jugendamt
Bürgerschaftliches Engagement
Wilhelmstr. 3, S-Mitte
Tel. 0711 216-575 67
ibb@stuttgart.de

 

Die IBBs Olena und Abdurrrahman.
Foto: Judith Wenk
Ausgabe: Juni 2026

„Interkulturelle Brückenbauer*innen“ unterstützen Familien

Ehrenamtlich die eigene Erfahrung nützen

Vor zehn Jahren begann das Jugendamt mit dem Programm „Interkulturelle Brückenbauer*innen“, kurz: IBB. Ehrenamtliche unterstützen dabei stadtweit Stuttgarter Eltern insbesondere mit Zuwanderungsgeschichte sowie Lehrkräfte aus Bildungs- und Erziehungseinrichtungen bei Verständnis- und Verständigungsschwierigkeiten. Sie begleiten und übersetzen zum Beispiel bei der Anmeldung für Schulen und Kindergärten, bei Arztbesuchen und Behörden.

Ein Beitrag von Judith Wenk.

Das kann so aussehen: Eine Schule meldet beim Jugendamt, dass sie ein Elterngespräch mit ukrainischen Eltern führen möchte, weil deren Sohn Lernschwierigkeiten hat. Das Jugendamt ruft einen Ukrainisch sprechenden Ehrenamtlichen aus dem Programm IBB an, der mit zum Gespräch geht. Er vermittelt den Eltern, was aus Sicht der Schule das Problem ist und was das langfristige Ziel der Schule ist. Mit den Sprachbarrieren können auch Ängste der Familie abgebaut werden und es entsteht auf allen Seiten Verständnis für unterschiedliche Perspektiven. Gemeinsam besprechen alle, wie man das Kind so fördern kann, dass es dem Unterricht folgen und einen Schulabschluss erreichen kann.

Eine dieser Interkulturellen Brückenbauerinnen ist Olena. Sie kam vor vier Jahren aus der Ukraine und hatte ihre beiden Kinder dabei. Ihr Zuhause, das ist eine Stadt ungefähr 25 Kilometer entfernt von der russischen Grenze. Beim letzten Urlaub dort erlebte sie täglich mehrere Male einen Luftalarm. Dadurch ist die Strom- und Wärmeversorgung und auch die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel stark eingeschränkt. Die Menschen müssen immer wieder lange ohne all dies auskommen, da man nie weiß, wann wieder Drohnenangriffe stattfinden. Ihr Mann blieb dort: „Er schützt unser Land.“

Durch die eigenen Erfahrungen andere Familien verstehen

In ihren vier Jahren in Stuttgart hat Olena viel erreicht: Sie wohnt mit ihren Kindern in einer eigenen Wohnung und arbeitet als Lehrerin für Chemie und Biologie. Ganz am Anfang konnte sie sich ans Rote Kreuz wenden, später an einen Sozialberater. Für die Hilfe, die sie erhalten hatte, will sie sich revanchieren. Freitags hat Olena Zeit für ihre Termine als IBB, sie erklärt:  „Meine eigenen Erfahrungen helfen mir, die Situation der Familien zu verstehen.“

Vor kurzem hat sie eine Rom*nja-Familie aus der Ukraine zum Augenarzt begleitet. Das kleine Mädchen war sehr unruhig und ängstlich. Olena beruhigte sie indem sie und erklärte alles, was der Arzt tun musste. Auch zur Kita-Anmeldung ging Olena mit. „Ich habe ihnen erklärt, dass das Kind eine Masernschutzimpfung braucht, damit sie den Platz bekommen.“ Zwischen ihnen ist Vertrauen entstanden.

Ein anderer Ehrenamtlicher ist Abdurrahman: Er musste die Türkei vor zwei Jahren verlassen. In Stuttgart war er auf sich alleine gestellt. Außer Türkisch sprach er nur Englisch und half sich erstmal selbst: „Ich habe KI-Tools genutzt!“ So konnte er sich wichtige Infos verschaffen. Allmählich machte er mithilfe eines Sportvereins Bekanntschaften. Er arbeitet als ehrenamtlicher Trainer und bereitet sich jetzt auf ein Deutsch-Zertifikat vor. Auch Freunde halfen ihm, mit den Behörden klarzukommen. Inzwischen hat er eine Wohnung gefunden. Gerade diese schwierige Suche hat ihn sozusagen „weitergebildet“: „Jetzt habe ich eine Liste mit Tipps und Links, die man brauchen kann auf der Wohnungssuche, und kann das weitergeben!“ Im Moment sucht der junge Sprachwissenschaftler eine Stelle.

Abdurrahman setzt seine Erfahrungen bei der Einwanderung inzwischen als IBB ein. Zuletzt ging es um einen 16-Jährigen Schüler, der sich strafbar gemacht hatte.   Abdurrahman wurde als Vermittler zu einem Treffen der türkischsprachigen Eltern mit einem Mitarbeiter des Schulamts eingeladen. Die Familie hatte einige Briefe von der Schule und vom Amt bekommen, hatte aber nicht verstanden, was von ihr erwartet wurde. Abdurrahman unterstützte und erklärte. Schließlich wurde gemeinsam entschieden, dass der Junge Freizeitangebote bekommen soll: Von Sport über Kino bis zu Theater – und ein Sozialarbeiter ihn begleitet.

„Das gibt mir ein menschliches Gefühl!“

Für Abdurrahman ist das eine sehr befriedigende Tätigkeit: „Wir alle brauchen das: Andere verstehen und verstanden werden.“ Er hat Kompetenzen erworben, die er für andere nutzbar machen kann. „Das gibt mir ein menschliches Gefühl!“ Man merkt ihm an, wie erfüllend es ist, gebraucht zu werden. Abdurrahman kannte das Programm IBB nicht, als er in Stuttgart ankam. „Mir hat so etwas gefehlt, es hätte mir einiges erleichtert.“

Auch Nadja Barocke vom Jugendamt wünscht sich, dass „das Programm noch bekannter wird, damit sich auch vermehrt Privatpersonen bei uns melden.“  Inzwischen gibt es 49 Ehrenamtliche, die sich als IBB wöchentlich ein paar Stunden engagieren. Derzeit sind etwa 17 Sprachen vertreten.

Nadja Barocke betont, wie wichtig und erfolgreich das Programm ist: Jährlich gibt es 400 bis 500 Anfragen von Institutionen wie Schulen, Kitas und anderen.

Fast alle Ehrenamtlichen, die vom Jugendamt koordiniert werden, haben selbst eine Zuwanderungsgeschichte. Viele haben selbst die emotionalen Traumata von Krieg und Flucht erlebt. Gleichzeitig sind sie schon einige Schritte voraus. Für alle ist das Programm ein großer Gewinn!