RiotNow! – Tag widerständiger Optimist*innen

Sa, 9. Mai 2026, 17 Uhr
Literaturhaus, S-Mitte

Veranstalter: Deutsch-Türkisches Forum Stuttgart e. V.

Foto: Bild links: Fikri Anıl Altıntaş, Foto: © Ekko von Schwichow. Bild rechts: Dr. Nesrin Tanç, Foto: © Fatih Kurceren
Ausgabe: Mai 2026

RiotNow – Stimmen von Erinnerung, Wissen und Widerstand

"Erinnern ist auch Widerstand"

RiotNow, ein interdisziplinärer Literatur-, Diskurs- und Performance-Tag, verbindet migrantische Arbeitskämpfe, Erinnerungskultur und aktuelle gesellschaftliche Fragen künstlerisch miteinander. Wie Widerstand wirkt, ist eine der zentralen Fragen am 9. Mai 2026. Im Interview geben Autorin sowie Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Dr. Nesrin Tanç sowie Autor und politischer Bildner Fikri Anıl Altıntaş, erste Impulse zur Veranstaltung.

Widerstand. Ein Begriff, der in verschiedenen Kontexten verwendet wird und in (heutigen) Diskursen auch Konfliktpotenzial bieten kann – vor allem, wenn es darum geht, wer Widerstand leistet sowie wogegen und wie Widerstand geleistet wird. Wie stehen Sie persönlich zum Begriff Widerstand?

Nesrin: Ich leiste keinen Widerstand, wenn alles gut und friedlich ist. Widerstand entsteht aus struktureller Unterdrückung und wird instrumentalisiert und selbst bekämpft. Diese Umkehr ist das anstrengende daran: in einem friedlichen Umfeld ausbeuterische Bedürfnisse zu haben, hat nicht dieselbe Absicht, wie der Widerstand in demokratiefeindlichen und antihumanistischen Strukturen.

Anil: Widerstand darf keine Option mehr sein. Dieser ist in Zeiten autoritärer Verschiebung, Migrations- und armutsfeindlicher Politik mehr denn je politische Notwendigkeit. Widerstand muss aber nicht nur physisch erfolgen – er beschreibt auch eine innere Dringlichkeit, sich Ungerechtigkeit entgegen zu stellen. Eine allumfassende Haltung, den Status Quo von seiner Eindeutigkeit und auch seiner politischen Gewalt zu befreien. Ohne Widerstand gäbe es keine demokratischen Freiheiten. Widerstand ist eine Erinnerung an ein gesellschaftliches Archiv, aus dem wir schöpfen müssen. Gegen Antifeminismus, gegen rechte und rassistische Gewalt und ihre Verharmlosung, gegen Aussagen, die die Gleichwertigkeit von Menschen in Frage stellen.

Welche Bedeutung hat Widerstand, vor allem in Bezug auf Widerstandshandlungen und -bewegungen marginalisierter Gruppen und Menschen mit Migrationsbiografie? Und stehen marginalisierte Gruppen vor besonderen Herausforderungen, wenn es um Widerstand geht?

Anil: Wenn wir einmal daran denken, wie viele Menschen mit Migrationsbiografie ihre Heimatländer aus politischen Gründen verlassen mussten, dann hat Widerstand im Gestern unseren Alltag, unser politisches Verständnis immer mitgeprägt, über Generationen hinweg. Wir alle tragen Widerstand in uns, nicht nur im Sinne von eigener Organisation, sondern in den Geschichten, Bewegungen, Enttäuschungen und Hoffnungen unserer Eltern und unseres Umfelds. Einige sind widerständig, weil sie die Verhältnisse im Heimatland ablehnen, anderen haben schon genug gekämpft und geben diese Haltung weiter. Menschen mit Migrationsgeschichte kämpfen jeden Tag gegen innere Widerstände, denn die Wut auf solche Verhältnisse, die uns Gleichwertigkeit absprechen, ist berechtigt und groß. Und gleichzeitig treffen wir auf staatliche Strukturen – siehe NSU-Morde –, die Widerstand notwendig machen, weil ebendiese Strukturen Täter schützen. Das System ist nicht auf uns ausgelegt, die Solidarität ist einer der Schlüssel, die wir in unseren Händen halten.

In einer diversen und von Migration geprägten Gesellschaft stellt sich oft die Frage, wie Erinnerungskultur gestaltet werden kann. Wie ist das Erinnern hierbei als eine Form von Widerstand zu verstehen?

Nesrin: Wir arbeiten mit dem Begriff der Erinnerungsarbeit. Auch das ist bereits eine Erweiterung, die als Widerstand gedeutet werden kann. Wenn nach Erinnerung in einem laufenden Diskurs gefragt wird, erinnere ich gern an das Vergessen. Vergessen ist im strukturierten Gebrauch eine Art „Waffe“ – zumindest ein Instrument der Leugnung –, die ich als Leugnungskultur bezeichne. Es gibt eine viel stärkere Kultur der Leugnung als eine aktive transnationale Erinnerungsarbeit. Aber zunächst einmal ein klares JA, Erinnern ist auch Widerstand. Zum Beispiel Erinnern heißt kämpfen. Kein Schlussstrich unter unsere Stimmen ist der Titel der Anthologie meines Kollegen Ali Şirin. Es versammelt die Stimmen von Überlebende und Angehörige von Opfern rechter, rassistischer Gewalt, die sich seit Jahrzehnten gegen das Vergessen engagieren. Sie müssen Erinnern, weil die Institutionen, bzw. die Gesellschaft das Erinnern sonst versäumt.

Was bedeutet Erinnerungskultur und das Erinnern in Bezug auf Widerstandsbewegungen – insbesondere in der Wissensvermittlung? Inwiefern zielt die Veranstaltung RiotNow auf eine solche ab?

Nesrin: Wir wissen viel zu wenig über die zahlreichen Netzwerke, Akteur*innen, einzelnen Werke und Solidaritätsgemeinschaften unterschiedlicher Sprachgemeinschaften, Länder und Kulturen ab der 1970-2010er Jahre in Deutschland. In der Wissensvermittlung fehlen die Wissensstrukturen aus dem letzten halben Jahrhundert. Damit meine ich die marginalisierten Gemeinschaften. U. a. dezidiertes Wissen über die sog. Gastarbeiter*innen und politischen Geflüchteten aus der Türkei oder dem ehem. Jugoslawien und anderen nicht-europäischen Ländern, die sog. Gastarbeiter*innen der DDR und der Zusammenhang zwischen sog. Gastarbeit und der Kolonialgeschichte, so auch insgesamt der Geschichten Schwarzer in Deutschland und Europa, der Palästinenser*innen und der jüdischen Gemeinschaften vor und nach dem Holocaust. Ebenso die queeren Gemeinschaften und die syrischen Geflüchteten. All diese Gruppen mussten Strategien entwickeln, um Rassismus, Populismus, Unsichtbarkeit, Diskriminierung und Gewalt zu überwinden. Diese Gemeinschaften verfügen jeweils über eine Fülle kulturellen Wissens zum Überleben, Lieben und Widerstand leisten in Deutschland. RiotNow erinnert daher zu Recht an die Kraft und Fülle des Wissens.

Anil: Erinnerungskultur ist ein unbedingtes, demokratisches Mittel zur Selbstverortung in der Gegenwart – und öffnet damit auch Möglichkeiten, politische Zukünfte selbstbewusst zu gestalten. Wo wären wir z.B. ohne die Arbeitskämpfe im Ford-Werk 1973? Wo ohne die linke Selbstorganisation der Gewerkschaftler*innen in Deutschland? Letztlich schützt es besonders Marginalisierte vor einer politischen Vereinnahmung – denjenigen, die uns Gemeinschaft, Geschichte und Solidarität absprechen. In der Literatur bewegt sich seit längerem sehr viel. Immer mehr migrantisch markierte Autor*innen schreiben ihre Geschichten und erweitern unser postmigrantisches Archiv. Sie sind Quellen der Kraft. Sie wären aber nicht möglich gewesen ohne das Erinnern, Ermahnen und Sichtbarkeit. Der Widerstand lag immer in der Solidarität, dem Teilen von Wissen, der Weitergabe von Wut und Drang nach Veränderung – die Veranstaltung RiotNow sieht sich in dieser Tradition.