KI ist nicht neutral
Globale Machtverhältnisse im digitalen Raum
Workshop im Rahmen der Messe Fair Handeln
11. April, 2026
Messe Stuttgart, Leinfelden-Echterdingen
Workshopleitung:
Mehtap Şahin-Marković ist Projektleiterin beim Forum der Kulturen Stuttgart im Kompetenzzentrum Migration, Entwicklung, Partizipation. Anna Martynova ist Medizininformatikerin und promoviert im Bereich Medical Data Science.
Interview zu Künstlicher Intelligenz und Macht
KI spiegelt Machtverhältnisse
Künstliche Intelligenz ersetzt für viele Menschen inzwischen die klassische Internetsuche. Was verändert sich dadurch im Umgang mit Informationen?
Anna: Bei einer klassischen Internetsuche erhalten wir viele unterschiedliche Quellen und müssen selbst entscheiden, welchen Informationen wir vertrauen. Wir vergleichen Perspektiven, erkennen Widersprüche und bilden uns ein eigenes Urteil. Dieser Prozess stärkt kritisches Denken. Recherche über KI-basierte Chatsysteme funktioniert meistens anders: häufig wird uns eine ausformulierte Antwort zurückgegeben, in der Informationen bereits zusammengeführt und interpretiert wurden. Damit übernimmt ein derartiges System nicht nur die Suche, sondern auch die Auswahl und die Gewichtung von Informationen – während oft unklar bleibt, auf welche Quellen sich diese Antworten tatsächlich stützen.
KI gilt oft als technologische Innovation. Sie beeinflusst aber auch Machtverhältnisse. Inwiefern?
Anna: Zur Entwicklung von KI-Systemen werden enorme Datenmengen sowie Rechenkapazitäten und Energie benötigt. Diese Ressourcen sind global sehr ungleich verteilt. Besonders profitieren daher Akteure, die über derartig große Datenbestände und Infrastruktur verfügen. Dies sind vor allem große Technologieunternehmen. Sie entwickeln und betreiben nicht nur die Systeme, sondern kontrollieren auch wichtige Teile der digitalen Infrastruktur, auf der viele Anwendungen aufbauen.
KI-Systeme lernen aus bestehenden Daten. Welche Folgen hat das für gesellschaftliche Vielfalt, etwa im Hinblick auf Sprache, Herkunft oder Migration?
Mehtap: KI-Systeme spiegeln immer auch die Muster (bzw. Machtverhältnisse) in den Daten wider, mit denen sie trainiert wurden. Wenn bestimmte Sprachen, Regionen oder Lebensrealitäten in diesen Daten weniger vorkommen, kann sich das auch in den Ergebnissen der Systeme zeigen. Perspektiven von Menschen mit Migrationsgeschichte oder aus dem Globalen Süden sind in vielen digitalen Datensätzen bislang weniger oder sogar falsch repräsentiert. Dadurch entsteht die Gefahr, dass digitale Technologien gesellschaftliche Vielfalt nicht vollständig abbilden und manche Perspektiven im digitalen Raum weniger sichtbar werden und somit marginalisiert sind.
Was möchtet Ihr mit Eurem Workshop vermitteln?
Mehtap: Unser Workshop setzt genau hier an: Wir wollen verständlich machen, wie KI-Systeme funktionieren und welche technischen Grundlagen dahinterstehen. Gleichzeitig zeigen wir, dass KI-Systeme immer auch Teil größerer gesellschaftlicher Zusammenhänge sind. Wer über Daten, Infrastruktur und Rechenkapazitäten verfügt, hat großen Einfluss darauf, wie digitale Technologien gestaltet werden – und welche Perspektiven darin sichtbar sind.