Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg für Anna Koktsidou
Anna Koktsidou bekam den Orden am 27. März 2026 im Neuen Schloss in Stuttgart von Ministerpräsident Kretschmann für ihr berufliches und ehrenamtliches Engagement überreicht: „Frau Koktsidou wird für ihre Haltung geehrt, die Vorbildcharakter hat: für Neugier, für Empathie, für den Mut, Brücken zu bauen, und für die Überzeugung, dass Vielfalt eine Gesellschaft bereichert und lebendiger macht.“
Der Orden ist die höchste Ehrung des Landes für herausragende Verdienste um Baden-Württemberg und seine Bevölkerung. Er wird jährlich an zirka 15 Menschen verliehen.
Ausgezeichnetes Engagement von Anna Koktsidou
Im Kleinen Großes leisten
„Als ich den Brief öffnete, konnte ich es zuerst gar nicht glauben“, sagt sie. Sie gab das Schreiben Ihrem Mann, der las es und bestätigte den Inhalt mit einem „Herzlichen Glückwunsch, Schätzchen!“ 1962 in Griechenland geboren, kam Anna Koktsidou 1970 als Achtjährige mit ihren Eltern nach Stuttgart. Die neue Sprache, die fremde Kultur – all das prägte den Blick des Kindes auf die Welt. Unterstützt von Lehrer*innen, Nachbar*innen und einer älteren Vermieterin, die Anna liebevoll „Oma“ nannte, lernte sie Deutsch, machte Abitur und studierte Germanistik und Pädagogik. „Ich hatte viele Mentorinnen und Mentoren, die an mich geglaubt haben“, sagt die griechisch-stämmige Deutsche rückblickend. „Das hat mich bewegt.“ Sie will etwas zurückgeben.
Als Studentin stellte sie im griechischen Studierendenverein ehrenamtlich griechische Filmtage auf die Beine. Später wurde sie als Mutter zweier Kinder Elternbeirätin und brachte mit anderen migrantischen Eltern den interkulturellen Blickwinkel in Kita und Schule. „Ich engagiere mich, weil wir gemeinsam im Kleinen Dinge verändern können“, sagt sie.
Gefragte Hörfunk-Redakteurin
Auch beruflich setzte Koktsidou einiges in Bewegung. Als Journalistin und Moderatorin machte sie Karriere beim SWR-Hörfunk und berichtete häufig für die ARD aus Griechenland. Sie war beim SWR Spezialistin zu Fragen der Migration und von 2016 bis 2025 Beauftragte für Vielfalt und Integration: Dabei beriet sie Redaktionen und Abteilungen, stemmte Tagungen und Ausstellungen. Für ihr Feature über ausländische Pflegerinnen in Deutschland wurde sie 2014 mit dem Willi-Bleicher-Preis ausgezeichnet und 2008 von der österreichischen Nachrichtenagentur APA für ihre Reportagen über Griechenland als Einwanderungsland.
2010 gründete Koktsidou mit Gleichgesinnten ihr Herzensprojekt: die deutsch-griechische Kulturinitiative Kalimera. Der Verein entstand aus einer Veranstaltungsreihe in Erinnerung an das deutsch‑griechische Anwerbeabkommen von 1960. Ziel war und ist es, die griechische Perspektive auf die Geschichte der Einwanderung zu zeigen und den Dialog anzustoßen. „Dazu veranstalten wir Filmabende, Konzerte, Diskussionen, Ausstellungen und vieles, vieles mehr.“ Kooperationspartner sind etwa der Württembergische Kunstverein oder die Stadtbibliothek Stuttgart. Seit Anfang März ist die 64-Jährige Mitglied des Vorstands im Forum der Kulturen, in dem sie seit seiner Gründung 1998 aktiv ist.
Ehrenamt ersetzt nicht Politik
Menschen, die sich für kulturelle Vielfalt engagieren möchten, rät Anna Koktsidou, ein Ehrenamt zu suchen, das zu ihnen passe. Wo helfende Hände benötigt würden, wisse etwa das Forum der Kulturen, die Volkshochschule oder der Stadtteil. Wichtig: mit den eigenen Kräften haushalten und sich nicht überfordern. „Ehrenamtliche können viel bewegen, aber sie können politische Versäumnisse nicht ausgleichen“, mahnt Koktsidou. „Gestrichene Integrationskurse können wir zum Beispiel nicht auffangen.“
Koktsidou, die von 2000 bis 2014 ehrenamtliches Mitglied im Internationalen Ausschuss war, antwortet auf die Frage, ob Stuttgart heute weltoffener ist als vor 25 Jahren, nachdenklich: „Stuttgart ist migrantischer geworden. Ob es auch offener geworden ist – da bin ich mir nicht sicher.“ Seit der Ankunft vieler Geflüchteter 2015 habe sich die Erzählung gewandelt. „Es gibt mehr Ängste und Abgrenzung von den Neuzugewanderten – auch in migrantischen Communities.“
Es bleibt also noch viel auszuhandeln. Koktsidou, die gerne näht und kocht, ist seit 2025 in Altersteilzeit und arbeitet weiter als freiberufliche Journalistin und Moderatorin. Und sie kümmert sich um ihren Ehemann, der einen schweren Sportunfall hatte. Wichtig ist ihr eine Gesellschaft, die Vielfalt als Selbstverständlichkeit lebt. Von den Parteien fordert sie etwa, dass diese stärker auf Zugewanderte zugehen und sie ermutigen, ihr Wahlrecht wahrnehmen. „Wir können etwas bewegen, wenn wir Menschen zusammenbringen, uns füreinander interessieren und aufeinander zugehen.“