Tomer Gardi: Liefern

Lesung und Gespräch
Literaturhaus, S-Mitte
Mo, 16. März 2026, 19.30 Uhr

Tomer Gardi: Liefern
Roman.
Klett-Cotta, 2026.
320 Seiten.

Foto: Maximilian Gödecke
Ausgabe: März 2026

Tomer Gardi im Literaturhaus

Ein Charlie Chaplin der deutschen Prosa

Tomer Gardi muss man live erleben. Seine Literatur versprüht die Spontanität der mündlichen Sprache. Am 16. März 2026 wird er im Literaturhaus Stuttgart aus seinem neuen Roman Liefern lesen.

„Schau“, so beginnt Tomer Gardi seine Antworten. Wieso, lautet die Hauptfrage, hat er sich für das Deutsche entschieden? Er, der in Galiläa geboren wurde und in einem Kibbuz aufwuchs. Als Zwölfjähriger war er mit seiner Familie nach Österreich gekommen, allerdings nur für wenige Jahre. Weil er damals auf eine englischsprachige Schule ging, lernte er die Landessprache vom Hören und Sprechen, auf der Straße und dem Bolzplatz. Später führte ihn der Zufall, genauer seine deutsche Freundin, nach Berlin. Er befand sich gerade in seinem Studium der Literatur- und Erziehungswissenschaften. Und zunächst zog es ihn wieder nach Israel, wo er ein erstes Buch schrieb, in der Muttersprache Hebräisch. Aber eines Tages kehrte er nach Deutschland zurück, um seinen ersten auf Deutsch verfassten Roman zu veröffentlichen.

Stolpern durch eine vertraute Welt

Auf Deutsch, wieso? „Schau“, sagt Tomer Gardi. Er spricht wie seine Texte klingen: Unvermittelt stellt sich Vertrautheit und gute Laune ein. So offenherzig der Schriftsteller und spontan seine Literatur wirken mögen, ihr Geheimnis geben sie nicht ganz preis. „Schau, es macht einen Unterschied, ob du in einer Sprache, die du beherrschst, von Fremdheit erzählst, oder in einer Sprache, die du nicht sicher beherrschst.“ Der Titel des Romans, Broken German (2016), bezeichnet auch die Kunstsprache oder den Dialekt, der dafür verwendet wurde: „Er weisst was und wie viel ist es möglich mit Wörter zu tuhn…“. Geradezu körperlich spürbar macht Tomer Gardis deutsche Prosa, wie es ist, sich im Raum einer Fremdsprache zu bewegen. Wie mit Charlie Chaplins Stummfilm-Figuren stolpern wir kunstvoll durch eine vertraut geglaubte Welt, die auf einmal ihre versteckten Fallstricke und “false friends“ offenbart.

Es folgten weitere Bücher, in denen dieses Sprachverständnis variiert und weiterentwickelt wurde. Bei Eine runde Sache (2021) ist der erste Romanteil im Broken German-Stil geschrieben, der zweite auf Hebräisch und ins Deutsche übertragen worden. Soviel zum Wie, und was wird nun erzählt? Es geht um verwechselte Koffer auf Flughäfen und Leichen im Jüdischen Museum Berlin. Es geht um Diaspora und die Schönheit des Fehlers. Und immer um Menschen an den Rändern von Sprache und Wirklichkeit.

Im neuen Roman Liefern (2026) werden die Schicksale von Essenslieferanten rund um den Globus verfolgt. Diesmal nicht in der Kunstsprache des Broken German; der Text wurde Duden-gemäß lektoriert. Während die anderen Bücher „sehr deutsche Themen“ behandelten, erklärt der Schriftsteller, werde in diesem Fall der Schauplatz ins Globale erweitert. Trotzdem ist sie wiederzuerkennen, Gardis Erzählerstimme, die vom Rhythmus des Mündlichen lebt und den Duden um eine Redewendung bereichert hat: Kunst kommt auch vom Nichtkönnen.