Forum Internationaler Frauen
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Bild: Fachtagung des Forums internationaler Frauen am 14.11.2025 im Stuttgarter Rathaus in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung und der Landeshauptstadt Stuttgart
Interview mit Dr. Lucimara Brait-Poplawski
Demokratie braucht alle Frauen
Frau Dr. Brait-Poplawski, wie steht es um die politische Teilhabe von Frauen, die selbst eingewandert sind, und von Frauen mit eingewanderten Eltern oder Großeltern? Gibt es Unterschiede?
Die politische Teilhabe von Frauen mit Einwanderungsgeschichte ist insgesamt noch unterdurchschnittlich. Frauen, die selbst eingewandert sind, beteiligen sich oft seltener an formaler Politik, während Frauen der zweiten oder dritten Generation häufiger politisch aktiv sind, da sie besseren Zugang zu Bildung, Sprache und politischen Strukturen haben. Trotzdem sind auch sie in Parteien und Parlamenten weiterhin unterrepräsentiert.
Ändert sich die politische Teilhabe mit der deutschen Staatsangehörigkeit?
Formal gesehen, ja. Denn erst durch den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit erhalten eingewanderte Frauen das aktive und passive Wahlrecht und formale Zugänge zu Parteien und politischen Gremien. Gleichzeitig reicht die Staatsangehörigkeit allein nicht aus, wie die politische Repräsentanz dieser Gruppe – sei es auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene – zeigt.
Interessant wäre zudem zu erfahren, ob diese Gruppe ihr Wahlrecht nutzt und wie sie politisch orientiert ist.
Die Frage nach der politischen Positionierung von Frauen mit Einwanderungsgeschichte ist hochrelevant, lässt sich jedoch bislang nicht eindeutig beantworten, da verfügbare Daten zum Wahlverhalten weder nach Geschlecht noch nach Migrationshintergrund differenziert vorliegen. Eine intersektionale Analyse stützt sich auf Studien. Eine aktuelle Publikation des DeZIM (2025) zeigt, dass Menschen mit Migrationshintergrund seltener wählen als Personen ohne Migrationshintergrund. Dies wird unter anderem damit erklärt, dass sie geringere Erwartungen haben, dass politische Parteien zentrale Probleme hinsichtlich ihrer materiellen Lage, Wohnsituation und Altersversorgung lösen können. Parteienpolitisch tendieren Menschen mit Migrationshintergrund eher zu sozialdemokratischen oder linkszentrierten Parteien.
Ohne deutsche Staatsangehörigkeit bleibt den meisten Migrantinnen die Wahl – ausgenommen die Kommunalwahl für EU-Bürgerinnen – verwehrt. Wie ist politische Teilhabe in diesen Fällen möglich?
Auch ohne deutsches Wahlrecht können Frauen politisch aktiv sein und für ihre Rechte auf Gleichstellung eintreten, indem sie selbst eine Frauenorganisation gründen, sich in Bürgerbeteiligungsprojekten engagieren, an Demonstrationen teilnehmen oder Petitionen unterstützen.
Wie ist es um die politische Repräsentanz von Migrantinnen bisher bestellt? Wie wirkt sich diese auf den Alltag von Migrantinnen aus?
Die politische Repräsentanz von Frauen mit Migrationsgeschichte ist bisher sehr gering, besonders auf kommunaler Ebene – dort sind sie seltener in Gremien vertreten als auf Landes- oder Bundesebene. Das wirkt sich direkt auf den Alltag aus: Viele ihrer spezifischen Anliegen – etwa in Bildung, Arbeit, Wohnen oder Gleichstellungsfragen – werden oft nicht ausreichend berücksichtigt. Sichtbare Repräsentation könnte dazu beitragen, politische Entscheidungen inklusiver zu gestalten und Migrantinnen stärker einzubinden.
Anlässlich des Internationalen Frauentages und der Landtagswahl am 8.3.2026 gestaltet das Forum Internationaler Frauen Baden-Württemberg e. V. mit Landeszentrale für Politische Bildung BW eine Postkarten-Aktion für politische Beteiligung von Frauen mit Einwanderungsgeschichte. Worum wird es im Kern gehen?
Mit unserer Aktion „Demokratie braucht alle Frauen“ wollen wir deutsche Frauen mit Einwanderungsgeschichte ermutigen, sich nicht nur mit den Wahlprogrammen demokratischer Parteien auseinanderzusetzen, sondern auch das Gespräch mit Kandidatinnen und Kandidaten zu suchen und deutlich zu machen, dass ihre Stimmen wichtig für die Demokratie und für die Stabilität einer demokratischen Mehrheit sind.
Recherche und weitere Informationen:
2025 Sachverständigenrat für Integration und Migration, Fakten zur Einwanderung in Deutschland, 09.12.2025.
https://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2024/12/SVR_Kurzbuendig_Einwanderung_2025.pdf
Statistisches Landesamt Baden-Württemberg 2019: Ein Drittel der Frauen mit Migrationshintergrund hat Fachhochschulreife oder Abitur – Ein Fünftel ohne Schulabschluss, Pressemitteilung 47/2019
https://www.statistik-bw.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/ein-drittel-der-frauen-mit-migrationshintergrund-hat-fachhochschulreife-oder-abitur-ein-fuenftel-ohne-schulabschluss/
DeZIM 2025: Vernachlässigtes Wähler*innenpotenzial? Über politische Problemwahrnehmungen, Alltagssorgen und Parteipräferenzen von Menschen mit Migrationshintergrund, 24.01.2025;
https://www.dezim-institut.de/fileadmin/user_upload/fis/publikation_pdf/FA-6235.pdf