Support Group Network Deutschland e. V.
Tübinger Str. 27, S-Mitte
mosab.tato@supportgroupnetwork.org
www.sgn-d.de
Support Group Network Deutschland e. V.
Empowerment als gelebte Praxis
„Es ist ein ganz anderer Zugang, wenn Menschen unterstützen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben“, sagt Mosab Tato, Geschäftsführer vom SGND. Entscheidend sei, dass Angebote nah am Alltag der Menschen entstehen und nicht aus einem eurozentrischen Blick heraus, der oft bewusst oder unbewusst mitschwinge. Diese Perspektive prägt die Arbeit des Vereins von Anfang an. Ziel ist es, Menschen zu stärken, ihren eigenen Weg zu gehen.
Wie das konkret aussieht, zeigt die Vielfalt der Projekte – und die Menschen, die sie tragen. Das Network hat unterschiedliche Abteilungen: von Frauenarbeit sowie Kinder- und Jugendarbeit über Arbeitsmarktintegration und Jugendbeteiligung bis hin zu EU-Projekten. In verschiedenen Räumen Stuttgarts kommen Menschen zusammen, lernen miteinander und tauschen sich aus. Sprachcafés bieten eine Gelegenheit zum Üben in schöner Atmosphäre, in Workshops – etwa für Eltern – geht es um Erziehungsfragen und den Umgang mit alltäglichen Herausforderungen. In Crashkursen zur Arbeitsmarktvorbereitung bereiten sich Teilnehmende auf Bewerbungen, Vorstellungsgespräche und den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt vor. Dazu kommen Ausflüge sowie Bildungs- und Kulturangebote. Manche nehmen teil, um Neues zu lernen, andere, um sich auszutauschen oder einfach einen Ort zu finden, an dem sie sich willkommen fühlen. Während sich einige Angebote gezielt an Menschen mit Flucht- und Migrationsbiografie richten, öffnen andere bewusst Räume für Begegnung und interkulturellen Dialog.
Getragen von einer gemeinsamen Haltung
Rund 30 Projekte werden derzeit von zwölf hauptamtlichen Mitarbeitenden und etwa 100 Ehrenamtlichen getragen. Was sie verbindet, ist eine gemeinsame Haltung: Menschen sollen nicht nur unterstützt, sondern befähigt werden, ihre Zukunft selbst zu gestalten. Ihre eigenen Ressourcen, ihr Wissen und ihre Erfahrungen bilden dabei die Grundlage. „Empowerment ist für uns ein zentraler Grundsatz“, sagt Tato. „Nicht nur in den Angeboten, sondern auch in unserer Arbeitsweise und unseren Strukturen.“
Geleitet wird die Arbeit des Vereins vom Zusammenspiel aus Erfahrung und Fachwissen: Menschen, die eigene Flucht- oder Migrationserfahrungen mitbringen sind die sogenannten Experts. Sie wissen, wie es sich anfühlt, neu anzukommen, Ängste und Traumata zu haben und sich in einem fremden System orientieren zu müssen. Professionals ergänzen dieses Wissen mit fachlicher Erfahrung aus Sozialarbeit, Pädagogik oder Beratung. Für Tato ist diese Verbindung entscheidend. Nur so entstehe Arbeit auf Augenhöhe – ehrlich, nachhaltig und nicht von außen übergestülpt.
Diese Haltung zeigt sich besonders deutlich in den Angeboten für Frauen. Das Network kämpft gezielt gegen Vorurteile und Rassismen, die geflüchteten Frauen immer noch ausgesetzt sind. In geschützten Räumen gibt es Bildungsangebote, Workshops und Austauschformate, in denen Vertrauen wachsen kann. Frauen werden nicht nur unterstützt, sondern ermutigt, Verantwortung zu übernehmen – in Projekten ebenso wie in Leitungsfunktionen.
„Ich wollte nicht, dass andere Menschen diese Erfahrung machen müssen“
Entstanden ist das Support Group Network aus ehrenamtlichem Engagement. Am Anfang stand ein syrischer Studierendenverein an der Universität Stuttgart. Eine kleine Gruppe Studierender unterstützte sich gegenseitig, tauschte Erfahrungen aus und half einander beim Ankommen. Auch Mosab Tato war Teil dieses Vereins.
„Ich habe selbst erlebt, wie es ist, neu anzukommen und sich allein zu fühlen“, erzählt er. „Ich wollte nicht, dass andere Menschen diese Erfahrung machen müssen, ohne Unterstützung zu finden.“ Über den Austausch mit dem Support Group Network in Schweden entstand schließlich die Idee, ein eigenes unabhängiges Network in Deutschland aufzubauen.
Und es wuchs schnell. „Viele Menschen kamen zusammen, brachten ihre Ideen und Ressourcen ein“, sagt Tato. 2019 wurde schließlich der Verein gegründet. Bis heute stehen klare Zuständigkeiten und flache Hierarchien nebeneinander. Wissensweitergabe und Powersharing sind zentrale Prinzipien.
Tato versteht seine Rolle dabei vor allem als begleitend. Neue Projekte unterstützt er zu Beginn, gibt Erfahrungen weiter – und zieht sich dann zurück. „Die Projekte wachsen mit den Kolleg*innen und ihren eigenen Verantwortlichkeiten“, sagt er. „So bleiben sie nachhaltig.“
Wie Empowerment konkret aussehen kann, zeigt die Jugendakademie, insbesondere das Projekt ECHO. Es ist kein einzelnes Angebot, sondern ein Prozess: Jugendliche werden beraten, bei der Entwicklung eigener Ideen begleitet und durch Workshops und Fortbildungen für ihre Ziele qualifiziert. Für viele Jugendliche, die neu ins Land kommen, ist ECHO eine erste Anlaufstelle – daraus entstehen Engagement, Projekte und neue Perspektiven.
Das SGND ist auch ein Raum für Reflexion und Schutz. Rassismus und Ausgrenzung nehmen zu, Feindbilder prägen Debatten. „Das betrifft nicht nur unsere Zielgruppen“, sagt Tato, „sondern auch uns als Netzwerk und als Menschen.“ Diese Entwicklungen erzeugen Ängste und Ohnmachtsgefühle. Im gemeinsamen Austausch werden Ängste ernst genommen und Menschen darin bestärkt, ihre eigene Stimme zu finden. Empowerment bedeutet hier auch, handlungsfähig zu sein: sich einzubringen, Haltung zu zeigen und gegen Ausgrenzung laut zu werden.
Tato engagiert sich selbst politisch, unter anderem im Internationalen Ausschuss des Stuttgarter Gemeinderats. Hauptberuflich ist er Bauingenieur und schreibt derzeit seine Masterarbeit. Auch wenn er von Anfang an das Network mitgegründet und geprägt hat, ist ihm Eines besonders wichtig: dass nicht er, sondern SGND sichtbar wird. „Ich bin nicht das Network“, sagt er. „Das Network sind die Menschen, die sich einbringen. Die uns vertrauen. Wir alle. Und genau darin liegt unsere Stärke.“