Ozan Zakariya Keskinkılıç

Hundesohn. Roman
Suhrkamp, Berlin, 2025.
219 Seiten.

Lesung:
Mi, 18. Februar 2026, 19.30 Uhr
Literaturhaus, S-Mitte
www.literaturhaus-stuttgart.de 

Foto: © Max Zerrahn
Ausgabe: Februar 2026

Ozan Zakariya Keskinkılıç liest im Literaturhaus

Nachts kehren die Seelen heim

Laut der ZEIT ist es eines der besten Bücher des Jahres 2025: Eingeladen vom Literaturhaus und dem Deutsch-Türkischen Forum Stuttgart e. V. kommt Ozan Zakariya Keskinkılıç nach Stuttgart und stellt am 18. Februar 2026 seinen Roman Hundesohn vor.

Auf Seite 46 nennt der Ich-Erzähler seinen Namen: Zakariya. Ein Prophetenname, in dem die Bedeutung „gedenken“ steckt. Für den Namensträger ist er „eine große Bürde. Und ein Geschenk“. Zunächst zur Bürde: Zakariya, Deutschtürke, Muslim, Student, liebt im fliegenden Wechsel die Männer, die er via Grindr in seinem Berliner Umfeld findet, während er eigentlich Hassan liebt, der circa 3000 Kilometer entfernt lebt, in Adana, dem Herkunftsort der Eltern. Eine Entfernung, die zudem für die Kluft im Begriff Deutschtürke steht sowie zwischen schwul und Freitagsgebet. Jeder Satz des Romans hebt an, sie zu überbrücken.

Auch der Autor heißt Zakariya, Ozan Zakariya Keskinkılıç. Mit seinem Debütroman zeigt der Politikwissenschaftler und Lyriker, dass er seinem Namen mehr als gerecht werden will, forschend und lehrend, lyrisch und erzählerisch. Das Erbe, dessen es zu gedenken gilt, ist das der Nachkommen der Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen aus der Türkei. In Deutschland geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen, tragen sie diese Herkunft automatisch mit sich, weil sie anders heißen, anders aussehen. Eine Bürde, ein Geschenk? Keskinkılıçs Bücher betonen: beides.

Entsprechend „flatterhaft“, wie auch der Protagonist Zakariya charakterisiert wird, ist der Schreibstil. Splitterartig fügen sich Szenen von Dates aneinander, Erinnerungen an die Sommerferien in Adana, Gespräche mit der besten Freundin Pari, verbunden durch einen dünnen Erzählfaden, das Flugziel: „In acht Tagen werde ich Hassan wiedersehen.“ In sieben, sechs. Zakariya zählt obsessiv, und er zieht alle sprachlichen Register, vom Slang der Datingprofile bis zum hohen Ton der türkischen Schlager; sogar chinesische Schriftzeichen fädeln sich in den Text.

„Ohne die Nacht keine Literatur“

Die große Frage: Wie soll all das, was im Gefolge von Migrationsbewegungen aufwirbelt, zusammengehalten, fruchtbar werden? Eine Antwort: durch Sprachlust und Schreibsucht. Hundesohn klingt wie eine klassische Liebesklage, vorgetragen im Beat des queeren Berlin. „Ohne die Nacht keine Literatur“, sagt Keskinkılıç. Wenn es dunkel wird, kommen die Worte – und dann begegnet er sowohl seinem Schreibkomplizen Kafka als auch seinen Großeltern, die gerne sagten: „Nachts kehren die Seelen zu Gott zurück.“

Bürde und Geschenk, ein Januskopf, dessen Gesichter sich zum Verwechseln ähnlich sehen: Im Türkischen, der Muttersprache, werde er einfach nicht älter als zwölf, sagt Zakariya: „Ganz bin ich nur im Deutschen.“ Mitgedacht werden muss, dass vielen geliebten Menschen und vor allem Hassan das Deutsche fremd ist.

Ab kommendem Sommer wird der Autor erstmals für einen längeren Aufenthalt in der Türkei sein: „Ich bleibe gespannt, was Ort und Sprache mit mir und meinem Schreiben machen werden.“ Zuvor wird er auf seiner Hundesohn-Lesereise noch einen Zwischenstopp in Stuttgart einlegen.