Mittendrin – mein Leben in Stuttgart und davor

Jörg Munder und Elena Maslovskaya
Foto: privat
Ausgabe: Februar 2026

Multicolor e. V.

Mittendrin statt nur dabei

Mit ihrem Verein Multicolor realisieren Jörg Munder und Elena Maslovskaya vielfältige Projekte, die zeigen, wie bereichernd interkulturelles Zusammenleben ist – so auch ihr neues Buch Mittendrin – mein Leben in Stuttgart und davor.

Migration als Chance begreiflich zu machen, ist das zentrale Anliegen von Jörg Munder und Elena Maslovskaya. Seit 2010 widmen sie sich mit ihrem Verein Multicolor der Frage, wie Geschichten von Migration und interkultureller Gemeinschaft medial so erzählt werden können, dass sie wirkliches Gehör finden – jenseits politischer Aushandlungen und vereinfachender Zuschreibungen.

Gegründet haben sie den Verein aus ihrer eigenen Lebensrealität heraus. Für Jörg, geboren in Esslingen und dem Schwäbischen eng verbunden, und Elena, die 1995 aus St. Petersburg nach Deutschland kam, ergaben sich in ihrer binationalen Partnerschaft ganz neue Fragestellungen zu Leben, Ankommen und Alltag, über die sie sich auch mit anderen Menschen austauschen wollten.

Individuelle Wege nach Stuttgart

Aus dieser Motivation entstand das Projekt Mittendrin – mein Leben in Stuttgart und davor, welches erstmals 2012 als Radiofeature im Freien Radio Stuttgart zu hören war. Thematisiert werden acht individuelle Geschichten von Migration und dem Einleben in Stuttgart als neuer Heimat.

Mit ihrem Feature wollten die beiden bewusst keine bestimmte Community bedienen, sondern einzelne Protagonist*innen und deren persönliche Beziehung zu Stuttgart in den Blick nehmen. Das Motto ihres Vereins war auch dabei „Verkehrssprache Deutsch, aber jeder wie er kann“, erklärt Jörg. Die jeweiligen Persönlichkeiten authentisch einzufangen begann bei der Sprache und setzte sich bei der Wahl der Aufnahmeorte fort. So trafen sie sich mal am Stuttgarter Hauptbahnhof, mal im Schlossgarten – ganz so, wie das jeweilige Gegenüber es sich gewünscht hatte.

Viele ihrer Protagonist*innen haben Jörg und Elena, die beim Freien Radio Stuttgart bis heute aktiv sind, auch über das Radio und ihr kulturelles Engagement kennengelernt. Wichtig war ihnen vor allem, unterschiedliche Persönlichkeiten sichtbar zu machen, die das Leben in Stuttgart aus diversen Blickwinkeln beleuchten. „Wir haben nie direkt nach Fluchtumständen gefragt, sondern unsere Protagonist*innen das erzählen lassen, was sie teilen wollten“, erklären die beiden. Es sei ihnen wichtig, Migration nicht nur auf politischer Ebene abzuhandeln, wie es heute leider oft geschehe. Das schätzten auch ihre Interviewpartner*innen wert und so stehen sie mit vielen noch heute in gutem Kontakt.

Alle Beteiligten waren stolz auf das Endergebnis. Manche berichteten sogar, auf ihren Beitrag angesprochen worden zu sein und so neue Gelegenheiten zum Austausch gehabt zu haben. Auch darüber hinaus wurde das Feature sehr positiv aufgenommen und 2013 sogar mit dem Landesmedienpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet.

Aus einem Radiofeature wird ein Buch

Mit dem Erfolg des Audioformats kam der Wunsch nach etwas Bleibendem. „Ein Buch nimmt man in die Hand, man blättert und hat Zeit, sich Fragen zu stellen“, sagt Elena, „wir wollten etwas Haptisches.“ Eine besondere Herausforderung bei der Übertragung vom gesprochenen Wort ins Schriftliche war es, die persönliche und nahbare Tonalität des Radiobeitrags beizubehalten. „Im Radio hast du Pausen, Lachen, Emotionen“, beschreibt Elena, „Das alles in Text zu übersetzen, ohne es glattzubügeln, war schwierig.“ Daher blieben die beiden gerade in dieser Phase des Projekts nicht nur miteinander, sondern auch mit ihren Gesprächspartner*innen in intensivem Austausch.

Genauso unterstreichen Elenas Illustrationen die Emotionalität der Geschichten. „Ein Buch mit nur Text wird schnell didaktisch“, erklärt sie. Die Illustrationen verstehen sich dabei nicht als bloße Visualisierung: Sie verdichten die Atmosphäre, verweisen auf Orte und eröffnen einen emotionalen Zugang, der die Lesenden zum Anknüpfen an eigene Erfahrungen einlädt.

Auch weil die Geschichten jetzt ebenso relevant sind wie sie es schon 2012 waren, freuen sich Jörg und Elena, sie nun auch in gedruckter Form weitertragen zu können. „Mir haben die Geschichten nochmal gezeigt, dass Migration der Normalfall ist. Leider ist das in der Gesellschaft immer noch nicht ganz angekommen“, reflektiert Jörg.

Elena wünscht sich außerdem, dass das Buch denjenigen Mut machen kann, die sich gerade erst in Stuttgart einfinden: „Es soll eine Botschaft an Neuankommende sein, dass es Menschen gibt, die vorher gekommen sind und die ihre Erfahrungen weitergeben wollen.“

So erzählt Mittendrin – mein Leben in Stuttgart und davor von einer Stadt, wie sie ist: vielfältig, dynamisch und getragen von den Menschen, die in ihr leben.