Station Paradiso
Oper in bosnischer, kroatischer, serbischer, italienischer, türkischer und deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.
Dauer: ca. 2 Stunden.
Staatsoper, S-Mitte
Uraufführung:
10. Mai 2026, 18 Uhr
Weitere Vorstellungen:
Do, 14. Mai 2026, 15 Uhr
17. und 24. Mai 2026, 18 Uhr
1. Juni 2026, 19.30 Uhr
6., 11. und 21. Juni, 19 Uhr
Umfangreiches Begleitprogramm
www.staatsoper-stuttgart.de
Station Paradiso: Oper mit Bürger*innenbeteiligung
Der Klang der Heimat
Die Proben
Es ist Ende März, fünf Sänger*innen stehen auf der Bühne vor einem Haltestellen-Modell aus Holz und Packpapier. Nach den ersten Takten stoppt die 1. Szene und wird neu gestartet. Die gemeinsame Suche nach der idealen Umsetzung ist spürbar. Noch klemmt es hie und da, eine Sängerin steht falsch, der Bus kommt zu spät. Die freiberufliche Regisseurin Anika Rutkofsky bespricht mit den Sänger*innen, wer zu welchen Klängen wann und wo die Bühne betritt. Hinten im Raum agieren der Dirigent, Bühnenmitarbeitende, Technik und Regieassistent*innen, Komponistin Sara Glojnarić verfolgt das Geschehen mit der Partitur.
Der Busfahrer
Eine Hauptrolle ist die des Busfahrers, gesungen von Goran Jurić mit seinem warmen Bass. Seit acht Spielzeiten ist er am Stuttgarter Opernhaus angestellt. „Wir sind das erste Ensemble, das diese Oper aufführt“, berichtet er begeistert. Das ist für Jurić neu und spannend, normalerweise bringt er hundertfach aufgeführte Werke auf die Bühne. „Sogar die Komponistin hört die Klänge ihrer Oper zum ersten Mal mit echten Menschen“, sagt er. Gleichzeitig sei durch die fehlenden Vorbilder auch mehr einzustudieren. „Eine lebende Komponistin ist dabei eine zusätzliche Inspiration“, freut sich der in Kroatien geborene Sänger.
Die Handlung
Sie beginnt an der titelgebenden Haltestelle Station Paradiso: „Gastarbeiter*innen“ aus Südosteuropa warten in Stuttgart auf den Bus nach Kroatien, in die Türkei und in andere Länder, die sie verließen, um in deutschen Fabriken, Wäschereien oder Reinigungen zu arbeiten. Sie verkörpern angeworbene Menschen, die in den 1960er- und -70er-Jahren harte Arbeitsbedingungen vorfanden und unter Einsamkeit und Heimweh litten. Jetzt wollen sie in der Heimat Urlaub machen. Sie bezahlen den Fahrer nicht mit Geld, sondern mit Liedern, die sie an zuhause erinnern. Die Fahrt geht los und wird zu einem Road Poem durch Biografien, Erinnerungen und Sehnsüchte. Was ist Heimat? Wovon träumen wir? Wann sind wir angekommen?
Die Komponistin
Sara Glojnarić, mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, fand es „wunderschön“, als sie ihre Musik erstmals live hörte. „Ich saß hinten und hatte ein glückliches Gesicht.“ 3,5 Jahre arbeitete sie an Station Paradiso. Das Thema berührt die junge Kroatin persönlich: „Ich gehöre selbst zu dieser Diaspora.“ 1991 in Zagreb geboren studierte sie dort und in Stuttgart Komposition und arbeitet heute in Deutschland. Künstlerisch setzt sie sich mit Herkunft und kollektiver Erinnerung, Popkultur und klassischer Musik auseinander.
Oral History von Stuttgart
Die Musik von Glojnarić und das Libretto (Operntext) von Tanja Šljivar gründen auf 27 Interviews mit ehemaligen Stuttgarter „Gastarbeiter*innen“ und ihren Kindern. Die Komponistin sammelte deren persönlichen Geschichten über das Auswandern, über Arbeit, Familie, Humor, Durchhaltevermögen und die Sommerferien. Dazu bat die Komponistin ihre Gesprächspartner*innen, Lieder mitzubringen, die für diese „Heimat“ bedeuten. Gemeinsam hörten sie CDs, MP3-Dateien, Platten und Kassetten an. Aus diesem Material entstand die Komposition – eine Mixtape-Oper. Ein Klangarchiv der Stuttgarter Migrationsgeschichte.
Groove der Oper
Die Oper besteht aber nicht aus einem Potpourri aus Pop- und Volksliedern, Glojnarić nimmt stattdessen die Melodien und Klangräume als Ausgangspunkt, zitiert, verfremdet, dehnt, sampelt und bearbeitet sie. Zum Einsatz kommt neben dem Orchester auch ein Juno-60-Synthesizer, der den Disco-Sound der Achtziger prägte. „Es gibt Szenen, wo wir den Bass unter den Sitzen spüren werden“, verrät Glojnarić.
Das Team hinter den Kulissen
Seit 3,5 Jahren arbeitet ein internationales Team an dieser Auftragsarbeit der Stuttgarter Oper. Dramaturgin Julia Schmid vom Opernhaus half der kroatischen Komponistin bei der Suche nach Interviewpartner*innen, stellte mit der in Kasachstan geborenen, in Baden-Württemberg aufgewachsenen und preisgekrönten Regisseurin Anika Rutkofsky das Team und das Begleitprogramm zusammen. Die Regisseurin entwickelte die Inszenierung mit Adrian Stapf (Kostüme) und Christina Schmidt (Bühnenbild). Dass so viele Frauen eine leitende Rolle spielen, sei Zufall, sagt Komponistin Glojnarić. Zum Glück könnten sich heute hochqualifizierte Frauen in diesem Berufsfeld durchsetzen.
„Ich wünsche mir, dass viele Menschen kommen, die noch nie in der Oper waren“, sagt Glojnarić. „Dieser Abend ist melancholisch und zugleich witzig – und er erzählt einen Teil der Stadtgeschichte aus unserer Perspektive!“