Aufbruch in ein fremdes Land
200 Jahre deutschsprachige Einwanderung nach Brasilien
Ausstellung
bis 11. Dezember 2026
Hauptstaatsarchiv Stuttgart, S-Mitte
Mo–Mi 8.30–17.00 Uhr
Do 8.30–19.00 Uhr
Fr 8.30–16.00 Uhr
Vom Zuckerhut ins Schwabenländle – Migrantinnen und Migranten aus Brasilien erzählen
Podiumsgespräch u. a. mit Margareth Neujahr
Mi, 11. November, 18.00 Uhr
Hauptstaatsarchiv, S-Mitte
Veranstalter: Welthaus Stuttgart e.V., Welcome Center
www.landesarchiv-bw.de
Ausstellung zu 200 Jahren deutschsprachiger Einwanderung in Brasilien
Die andere Richtung
„Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“ Dieses Abendgebet lernte Margareth Neujahr von ihrer Uroma in Brasilien. Noch heute kann sie es aufsagen. Deutsch sprach sie als Kind kaum. Doch die Sprache ihrer Vorfahren war überall. In den Gesprächen der Großeltern, in Gebeten und Familiengeschichten.
Margareth wächst in Porto Alegre auf, einer Millionenstadt im Süden Brasiliens. Mütterlicherseits reicht ihre Familiengeschichte bis ins 19. Jahrhundert zurück. Hunger und Armut treiben ihre Vorfahren über den Atlantik. In Brasilien kaufen sie Land, bauen eine Farm auf. Der Hof liegt bei Taquari, einer Kleinstadt im südbrasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul.
An die Besuche bei den Großeltern erinnert sich Margareth mit Freude. Ein Telefon gibt es auf dem Hof nicht. Wer sie erreichen will, ruft in der Stadt an und lässt eine Nachricht überbringen. Die Großeltern versorgen sich weitgehend selbst. Auf ihrem Bauernhof gibt es selbst gemachten Käse, Brot aus dem Holzofen und Streuselkuchen.
Deutsche Bräuche gehören zum Alltag: Weihnachten, Ostern und der evangelische Glaube. „Bei 40 Grad feierten wir Weihnachten mit Christbaum und echten Kerzen“, Margareth lacht und zeigt eine alte Schwarz-Weiß- Fotografie.
Doch die Familie kennt auch andere Geschichten. Ihre Großeltern väterlicherseits kommen kurz vor dem Ersten Weltkrieg als Kinder nach Brasilien. Über ihre Vergangenheit sprechen sie kaum. „Sie waren traumatisiert.“
Ein Stück Deutschland in Brasilien
Ab 1938 geht die brasilianische Regierung gegen den Gebrauch des Deutschen vor. Die deutsche Sprache verschwindet allmählich aus dem Alltag. Margareths Eltern wachsen noch damit auf, müssen in der Schule aber Portugiesisch sprechen.
Margareth besucht eine Schule, die aus einem deutschen Verein hervorgegangen ist. Viele Mitschülerinnen und Mitschüler haben deutsche Vorfahren. Erst als Erwachsene erkennt sie, wie sehr diese Gemeinschaft sie geprägt hat. „Mir ist bewusst geworden, dass ich in Brasilien in einer deutschen Blase gelebt habe.“
Wenn in Deutschland über Migrantinnen und Migranten gesprochen wird, die in eigenen Vierteln leben und ihre Traditionen pflegen, denkt Margareth an ihre Vorfahren. „Die Deutschen haben nichts anderes gemacht. Sie gründeten eigene Vereine, bauten Kirchen, Schulen und hielten an ihrer Sprache fest.“ Heutzutage wird Deutschland zumeist als Einwanderungsland wahrgenommen. Im historischen Rückblick verließen jedoch viele Menschen ihre deutsche Heimat, um sich in Übersee eine neue Existenz aufzubauen.
Schon als Kind wird Margareth ermuntert, das Land ihrer Vorfahren kennenzulernen. Mit sieben Jahren besucht sie Deutschland zum ersten Mal, mit 14 verbringt sie dort zwei Monate als Austauschschülerin. Zehn Jahre später folgt sie ihrer älteren Schwester nach Nürtingen. Später zieht die Architektin nach Stuttgart, lebt heute mit ihrem Mann und den Kindern in Ostfildern. Auch ihr Mann stammt aus Brasilien und hat deutsche Wurzeln.
Im Hauptstaatsarchiv Stuttgart erzählt die Ausstellung Aufbruch in ein fremdes Land – 200 Jahre deutschsprachige Einwanderung nach Brasilien von den Hintergründen der Auswanderung. Die schlechte sozioökonomische Lage, religiöse Spannungen oder politische Verfolgung bewogen Zehntausende zur Emigration. Kurz nach der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Portugal im Jahr 1822 warb Brasiliens erster Kaiser Pedro I. europäische Einwander*innen an. Sie sollten das Land nutzbar machen, den wirtschaftlichen Aufschwung fördern und dadurch zur Entwicklung der jungen Nation beitragen. Auch Familien aus Baden und Württemberg suchten dort eine neue Zukunft. Besonders im Süden Brasiliens entstanden Siedlungen mit deutschen Schulen und Vereinen.
In Brasilien wird Migration gefeiert
Am 11. November spricht Margareth bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Ausstellung über ihre eigene Familiengeschichte, die zeigt, dass Menschen in beide Richtungen wandern: Ihre Vorfahren gingen nach Brasilien, sie selbst kam nach Deutschland. Der Umgang mit Einwanderung beschäftigt sie. In Brasilien, sagt Margareth, werde Migration als Bereicherung gesehen. Menschen unterschiedlicher Herkunft gehörten selbstverständlich dazu. Auch die deutschen Einwanderer bewahrten ihre Traditionen und wurden Teil der brasilianischen Gesellschaft.
Wie schwer es sein kann, in einer neuen Heimat Anschluss zu finden, sieht Margareth heute bei ihrer Arbeit für die Initiative Carlotas. In Stuttgart organisiert sie mit anderen Frauen regelmäßige Treffen für portugiesischsprachige Frauen, die in Deutschland einen Neuanfang suchen. Viele bringen Abschlüsse und Berufserfahrung mit, wissen aber zunächst nicht, wie sie diese hier nutzen können. Carlotas bietet Schulungen, Hilfe bei Bewerbungen und Kontakte. Bei Kaffee und Kuchen sprechen die Frauen über Arbeit, Alltag und Erfahrungen in Deutschland. „Man muss sich vernetzen, offen für alles sein und über Hindernisse hinwegschauen können“, sagt Margareth energisch. „In ein anderes Land zu ziehen kann wunderschön sein und gleichzeitig an Stellen wehtun, von denen man vorher gar nicht wusste, dass sie wehtun können. Man vermisst Menschen und Vertrautes, muss beruflich vielleicht noch einmal von vorne anfangen oder merkt plötzlich, wie abhängig man von seinem Partner geworden ist. Bei Carlotas erleben wir aber auch, wie viel Neues und Schönes hier entsteht und dass beides gleichzeitig wahr sein darf: Man kann in Deutschland ein gutes Leben haben und trotzdem manchmal das vermissen, was man zurückgelassen hat.“
Am Schwabenland schätzt sie die Ordnung, die ihr Freiheit und Sicherheit gibt. In Brasilien empfindet sie den Alltag als gefährlicher: „Das Leben ist dort unsicherer.“ Deutschland ist längst mehr als das Land ihrer Vorfahren. Ihre Heimat ist heute Ostfildern. Und dazu gehört auch der Weg durch den Wald, auf dem sie täglich mit dem Fahrrad nach Stuttgart zur Arbeit fährt.
Brasilianerin in Deutschland?
Hier gibt*s Carlotas
Seit zehn Jahren zeigt Carlotas brasilianischen Frauen Wege zu mehr finanzieller Unabhängigkeit in Deutschland mit Kursen rund um Arbeitsmarkt, Selbstständigkeit und Sprache sowie mit Informationen, Projekten und dem Aufbau von Netzwerken in verschiedenen Städten Deutschlands.
Brasileira Na Alemanha?
Tem Carlotas por aqui
Há 10 anos, Carlotas mostra caminhos para mulheres brasileiras que buscam autonomia financieira na Alemanha, com cursos voltados ao mercado de trabalho, empreendedorismo e idioma, além de informação, projetos e construção de rede em diferentes cidades do país.
Monatliche Treffen/Encontros Mensais
Welthaus, S-Mitte
linktr.ee/carlotas_mulheres
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