Stärkung der Zivilgesellschaft in der Ukraine
Ukrainerinnen in Stuttgart – Für und Wider einer Rückkehr
Zwischen Hoffnung und Zweifel
Wir treffen die Frauen am 30. April, ein Ende des Krieges ist nicht absehbar. Drei Jahre ist es her, dass die damals schwangere Tetiana Poberezhna aus Chmelnyzkyj mit ihrer kleinen Tochter nach Deutschland floh. Zurücklassen musste die Juristin und Public Managerin ihren Mann, ihre Heimat und ihren Job im Öffentlichen Dienst. Sie kam bei ihrer Schwester in Deutschland unter, die seit längerem hier arbeitet. „Wir dachten, wir bleiben vielleicht zwei, drei Wochen“, sagt Poberezhna. Aus drei Wochen wurden drei Jahre. Hier in Stuttgart wurde ihr Sohn geboren, sie lernte eine neue Sprache, fand ein neues Zuhause. Jetzt steht die 37-Jährige vor einer Entscheidung: Zurück in die Ukraine – wie es ihr Mann möchte, der inzwischen auch in Deutschland lebt – oder bleiben, wo die Kinder Wurzeln schlagen?
„Ich will bleiben“, sagt die dunkelhaarige Frau in gutem Deutsch. Für ihren Sohn und ihre Tochter, die mittlerweile die fünfte Klasse eines Gymnasiums besucht und Freund*innen gefunden hat, sieht sie in Deutschland bessere Zukunftsperspektiven. Auch sie selbst hofft auf einen Job, etwa als Büromanagerin oder Sachbearbeiterin. Tetiana Poberezhna hat ein B2-Deutschzertifikat. Ihr Abschluss in Public Management wurde nach nur sechs Monaten anerkannt. Dass der geplante C1-Sprachkurs nicht stattfand, weil das BAMF kein Geld mehr hatte, war ein Rückschlag. Trotzdem: „Ich sehe Perspektiven.“
Sofiia Marchenko hat andere Pläne. „Ich möchte zurück“, sagt die 21-Jährige aus Brovary bei Kiew. „Die Ukraine ist mein Heimatland.“ Sie floh im März 2022, zusammen mit Mutter und Schwester. Der Vater blieb zurück.
Damals studierte Sofiia Marchenko in der Ukraine Internationales Marketing – das gesamte Studium fand online statt. „Zuerst wegen Corona, danach durch den Krieg.“ Ihren Bachelor schloss sie in Deutschland ab. Was ihr bis heute fehlt, wird ihr bewusst, wenn Studierende vor der Stuttgarter Uni zusammenstehen: Sie vermisst die Gemeinschaft mit Gleichaltrigen. In ihrer Heimat möchte sie nachholen, was sie verpasst hat. „Damals war ich eine Jugendliche. Nun möchte ich mein Land mit erwachsenen Augen sehen.“ Zwar hat ihre Mutter in Stuttgart Arbeit in der Rechtsabteilung eines Unternehmens gefunden. Sie selbst aber möchte in der Ukraine arbeiten und dort ihre deutschen Praktikumserfahrungen und Sprachkenntnisse einbringen. Sie hält Kontakt zu Freund*innen, informiert sich über Arbeitsmöglichkeiten. „Allerdings kann ich nur zurück, wenn Russland keine Gefahr mehr ist. Ich will nicht unter Bomben leben.“
Tetiana Poberezhna und Sofiia Marchenko sind zwei von über 3.300 Ukrainerinnen in Stuttgart. „Eine Rückkehr setzt Frieden, Sicherheit und wirtschaftliche Stabilität in der Ukraine voraus“, sagt Afina Albrecht von der Bürgerstiftung. Diese seien nicht in Sicht. Deshalb schwankten die Betroffenen zwischen Hoffen und Zweifeln. „Nur wenige haben konkrete Rückkehrpläne, viele sind abwartend oder unentschlossen.“
Die Entscheidung trifft jede*r für sich
In dieser unsicheren Zeit unterstützen die Bürgerstiftung und andere Akteure Ukrainer*innen mit dem Hilfsfonds Zuflucht Stuttgart. Der Fonds ermöglicht es, Brücken zu bauen – in die deutsche Gesellschaft ebenso wie zurück in die Ukraine, erklärt Albrecht. Sie leitet den aktuellen Schwerpunkt Stärkung der Zivilgesellschaft in der Ukraine. „Wir pflegen auch Kontakte zu Chmelnyzkyj, einer der Partnerstädte Stuttgarts, vernetzen uns mit dortigen NGOs, um Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen.“ Der Fonds biete zudem Beratungen und praktische Hilfen im Alltag. Poberezhna fand zum Beispiel Anschluss an eine Schwangerschaftsgruppe, Sofiia Marchenko an einen akademischen Uni-Chor. Beide profitierten von Bewerbungstrainings.
Gehen oder bleiben – die Entscheidung muss jede*r für sich treffen – abhängig von familiären Plänen, wirtschaftlichen Zwängen und politischer Unsicherheit. Tetiana Poberezhnas Mann, ebenfalls Jurist, kam vor 18 Monaten nach Deutschland. Beruflich sieht er hier keine Zukunft. Das ukrainische Rechtssystem ist kaum gefragt, die Sprache eine Hürde. Er drängt zur Rückkehr. Zumal der öffentliche Dienst dort viele offene Stellen hat, weil die Männer im Krieg sind und viele Frauen geflohen. Es ist ein Konflikt, gibt Tetiana Poberezhna zu. Eine Lösung: Sie fände in Stuttgart einen Arbeitsplatz und einen Kita-Platz für den Sohn. Denn so sehr die Heimat lockt – auch dort warten Probleme: „Die Lebenshaltungskosten sind fast so hoch wie hier, aber die Löhne sind kaum gestiegen“, sagt sie. Damals verdiente sie 250 Euro im Monat.
Zwei Frauen – zwei Perspektiven. Gemeinsam ist ihnen der Wunsch nach Stabilität und Zukunft. „Alles hat ein Ende – auch das Schlechte“, sagt Tetiana Poberezhna. Sofiia Marchenko nickt: „Die Ukrainer*innen halten zusammen und kämpfen. Ich hoffe einfach, dass alle, die ich liebe, überleben.“
Ukrainer*innen in Stuttgart
In den städtischen Unterkünften leben rund 3.300 Ukrainer*innen, unter ihnen 1.027 Minderjährige. Wie viele Personen privat untergekommen sind, ist unbekannt. Rund 57 Prozent der Unterkunftsbewohner*innen sind weiblich. Etwa ein Siebtel der Erwachsenen ist in Arbeit oder Ausbildung, Tendenz steigend. Ihre Integration nimmt Fahrt auf, unterstützt durch zahlreiche Angebote von Stadt und NGOs wie der Bürgerstiftung. Auch die Ukrainer*innen selbst engagieren sich in Projekten für die Zivilgesellschaft.
Zurückkehren oder bleiben?
In Deutschland leben rund 1,2 Millionen ukrainische Kriegsflüchtlinge. 59 Prozent planen, dauerhaft zu bleiben. Diesen Wunsch hegen besonders Geflüchtete, die ab Juni 2022 zugezogen sind (69 Prozent). Die Entscheidungsfaktoren fürs Bleiben: genug Deutschkenntnisse, ein Job, die Familienzusammenführung. Rückkehrwillige machen ihre Pläne vom Ende des Krieges (90 Prozent) und der wirtschaftlichen Lage in der Ukraine (60 Prozent) abhängig. (IAB-BAMF-SOEP-Befragung, 2025)