InterAKT Initiative e. V.
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Kseniya Fuchs:
Kseniya Fuchs ist in Donezk geboren und eine in Stuttgart-Mitte lebende Schriftstellerin und Journalistin. Ihr Roman 12
Echo dieser Tage – Die Initiative InterAKT und ihr neues Projekt
Überlebensstrategie Kunst
März 2017. Viktoriia Vitrenko und Maria Kalesnikava begegnen sich zum ersten Mal. Ein Treffen, das der Beginn einer Freundschaft und einer gemeinsamen Vision werden sollte. Nicht nur ihre gemeinsame Herkunft und ihr künstlerischer Background bringen die beiden zusammen. Auch ihr leidenschaftliches Interesse an gesellschaftlichen Fragen – Themen wie Demokratie, Gewalt gegen Frauen, die zunehmenden Debatten um Technologie und die Auswirkungen sozialer Medien auf die Psyche. Jeden zweiten Abend tauschen die beiden Ideen aus, um Kunstformen und Denkweisen miteinander zu verknüpfen. Sieben Monate nach ihrem ersten Treffen stellen Viktoriia und Maria ihren ersten Förderantrag als InterAKT. Ein Verein, der Kunst und Kunstschaffende aller Disziplinen verbindet und einen Raum für gesellschaftlichen Diskurs schafft. Ein Experiment, das trotz aller Widrigkeiten bis heute lebt und wächst.
Maria Kalesnikava ist aufgrund ihres politischen Engagements im September 2020 festgenommen und als politische Gefangene zu 11 Jahren Haft verurteilt worden, wie internationale Medien berichten. Sie war nach Belarus aufgebrochen, um ihre Heimat zu einem besseren Land zu machen. Für den Verein bedeutet das: „Wir beschäftigen uns seit Sommer 2020 eng mit den belarussischen Thematiken und unterstützen die demokratische Oppositionsbewegung, initiiert von Maria Kalesnikava, Veronika Tzepkalo und Svetlana Tsikhanovskaya“, erklärt Viktoriia.
„Das Schicksal von Maria und die Unterstützung der Demokratie „bedeuten uns weiterhin sehr viel und prägen entsprechend unsere künstlerische Arbeit“, so Viktoriia.„Sie bleibt ein wesentlicher Teil vom Verein, von uns. Ihre Vision und Ideen, ihre Wünsche und Passionen versuchen wir weiterzuführen und umzusetzen. Inzwischen hat der Verein 15 Mitglieder.“ „Der Fokus liegt auf der Reflektion und Diskussion von sozialpolitischen Themen“, ergänzt Geschäftsführerin Jana Hotz im Gespräch in den Räumlichkeiten von InterAKT, in einer wie eine WG-Küche anmutenden, gemütlichen Atmosphäre. Seit April 2024 leitet sie gemeinsam mit den Vorständinnen Jasmin Schädler und Viktoriia Vitrenko den Verein. „Unsere Projekte behandeln Migration, Flucht und Inklusion – oftmals verbunden mit der Stuttgarter Geschichte. Mitglieder sind hauptsächlich Künstlerinnen und Künstler aus Regie, darstellender Kunst und aus der Neuen Musik. Bei partizipativen Projekten können auch Bürgerinnen und Bürger der Stadt mitwirken.“
Echo dieser Tage: InterAKT beim Literaturfestival Über Leben mit Kseniya Fuchs
„Im Mai nehmen wir am Literaturfestival Über Leben Stuttgart teil“, kommt Jana auf das Hauptthema der Unterhaltung zu sprechen. Echo dieser Tage präsentiert eine interaktive Installation mit Hörgeschichten der ukrainischen Autorin Kseniya Fuchs. Es geht um das Schicksal ukrainischer Jugendlicher in Stuttgart. Die Geschichten werden von jungen Menschen im Rahmen einer performativen Lesung mit Live-Elektronik und Instrumenten in der Kirche St. Maria als am 22. und 23. Mai vorgestellt.“ Es soll nicht der erste Auftritt dieser Art werden. Bereits im Juni 2024 thematisierte der Verein die Erlebnisse von Menschen, die keine Wahl außer der Flucht aus ihrer Heimat hatten. Jana händigt mir einen Flyer aus. Zuhause höre ich „Echo dieser Tage“ aus dem vergangenen Jahr. Die Texte sind von Schauspielerinnen und Schauspielern eingesprochen, so wie dieser:
„Konservierung“, aus „Echo dieser Tage“, Juni 2024
Nimm meine Hand!
Bedeckt mit rauer Februarhaut,
mit eingefrorener Donezker Graberde unter den Nägeln,
mit eingebundenen Fingergliedern,
die den Toten die Augen verschlossen.
Nimm sie und lies!
Lass die Handflächen zu Reiseführern werden.
Durch die besetzten Gebiete.
Auch durch die Entbesetzten.
Sind alle durcheinander.
Grenzlinien, Zerstörlinien der ehemaligen Welt …“
Schule des Überlebens
Meistens gebe es Süßigkeiten, damit es nicht allzu sehr den Anschein mache, man müsse hier etwas lernen, „so, wie in der Schule“. Kseniya Fuchs lacht mit kehliger Stimme, wenn sie vom Sprachcafé erzählt, das sie für geflüchtete ukrainische Jugendliche ins Leben gerufen hat.
Tatsächlich ginge es darum, dass die jungen Menschen einen Ort finden, an dem sie von ihren Sorgen sprechen und natürlich auch Deutsch lernen können. „Die Jugendlichen, die in der Ukraine Möglichkeiten hatten, stehen hier vor einer nahezu unüberbrückbaren Barriere.“ Das System lehne sie ab, psychosoziale Angebote für Jugendliche gäbe es fast keine. Kseniyas Stimme wird lauter. Ihre Miene verfinstert sich. Selbst ist Kseniya vor vielen Jahren nach Deutschland gekommen. Die Schriftstellerin fühlt sich als Vermittlerin zweier Welten. Von ihr stammen die Geschichten, die in Echo dieser Tage erzählt werden. Inspiriert von ihren eigenen Erfahrungen und den Erzählungen anderer.
„Die jungen Männer stellen das Land und das Schulsystem in Frage. Sie fragen sich: ‚Was soll ich denn hier?‘ Sie sagen: ‚Ich brauche diese Schule nicht. Bin ich volljährig, gehe ich zum Militär!‘ Nach einer Pause fährt Kseniya fort. „Die Mädchen hingegen sind oftmals sehr emotional. Manches Mal stellen sie ihre gesamte Existenz in Frage …“ Vor Kriegsbeginn ging es den meisten Jugendlichen in der Ukraine gut. „Sie hatten ihr Leben und ihre Pläne“. Das Bildungssystem hier ermögliche den Jugendlichen oftmals keine Perspektive. „Das ukrainische Abitur wird nicht anerkannt.“
„Zum zweiten Stuttgarter Literaturfestival hatte InterAKT jedenfalls Jugendliche gesucht, die die ukrainischen Geschichten und die deutschen Erzählungen präsentieren, erzählt Jana. Geschichten, die auf wahren Begebenheiten basieren und diese fiktiv aufgreifen, um dem Publikum die Schicksale näherzubringen.“
„Wir müssen uns jetzt mit allen künstlerischen Mitteln dafür einsetzen, den Frieden in Europa zu behalten“, verdeutlicht Kseniya Fuchs, die Echo dieser Tage performativ ergänzen wird. „Für mich hat Kunst die Möglichkeit, die Gesellschaft zusammenzubringen“, sagt Jana. „Kunst ist für mich eine Überlebensstrategie“, endet sie. Beide Initiatorinnen lächeln. Ein langer Tag geht zu Ende.