Großes Thema bei Migrant*innen: Einsamkeit
„Geh raus und tu etwas!“
Man kann dieses Gefühl poetisch ausdrücken, so wie Naceur Aceval, Weil im Schönbuch: „Ich fand mich allein wieder. Wo waren meine Freunde? Meine Familie, mein Stamm, all ihre Stimmen, ihre Worte in meiner Sprache, der Sprache meines Landes Algerien, all diese Worte waren wie Asche, die der Wind weggetragen hatte… In Deutschland gab es viele Menschen, viele Autos, viele Geräusche. Die Leute redeten, aber ich war allein außerhalb dieses Tohuwabohus. Und dieses ,allein‘ wird immer von seinem ,besten Freund‘ begleitet: der Einsamkeit“. Oder man drückt es prosaisch aus wie Evrim Adak (Pseud., Name der Redaktion bekannt), die vor fünf Jahren aus der Türkei nach Stuttgart kam: „Morgens musste ich mich richtig zwingen, nicht einfach in meinen Pyjamas zu bleiben. Ich fühlte mich so allein und unglücklich. Irgendwann merkte ich: Ich muss aus dieser Spirale aus negativen Gedanken aussteigen, oder ich ertrinke.“
Wenn jemand neu in einem Land ist und nicht ver- steht, was von den Behörden gefordert wird oder was die Aufdrucke auf den Lebensmitteln im Supermarkt bedeuten, geschweige denn ein Schwätzchen mit seinen Nachbarn halten kann – dann verunsichert das die Menschen zutiefst. Sie fühlen sich wie kleine Kinder, die alle Regeln des Zusammenlebens neu lernen müssen – aber ohne „allwissende Eltern“, die sie liebevoll an die Hand nehmen.
Ur-Angst: nicht dazuzugehören
Einsamkeit ist eine schwere Last. „Zu Hause in der Türkei hatte ich alles – Arbeit, Familie, Freunde – aber hier musste ich von ganz vorn anfangen. Die neue Sprache ist eine so große Barriere. Es war der reine Stress. Ich war ständig im Überlebensmodus“, so Esin Akşener vom Deutsch-Türkischen Forum.
„Die Menschen fühlen sich nicht zugehörig“, weiß Suzana Hofmann, Leiterin des Stuttgarter Welcome Cen- ters. Es wurde 2014 von der Stadt gegründet, um Neuan- kömmlingen Orientierung zu geben: Anerkennung von Abschlüssen, Wohnen, Mobilität, etc. Die Migrationsdienste – Evangelische Gesellschaft, Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Arbeitsgemeinschaft für Die Eine Welt – unterstützen das Welcome Center; aber nicht nur sie: Insgesamt sind rund 400 Netzwerkpartner*innen eingebunden.
Außerdem wurde 2022 in der Corona-Zeit die Stuttgarter Strategie gegen Einsamkeit von der Stadt ins Leben gerufen. Leiterin Gabriele Reichhardt erklärt: „11,6% der Stuttgarter Einwohner*innen ab 18 Jahren bezeichnen sich selbst als einsam – das ist mehr als jeder zehnte Mensch.“ In Zahlen heißt das: ca. 58.000 Personen!
Einsamkeit ist schambesetzt. Es schwingt etwas von „es nicht auf die Reihe bringen“ mit. Eine der Ur-Ängste aller Menschen ist die, nicht dazuzugehören – ein Relikt aus der Zeit, als Individuen nur im Stammesverbund eine Überlebenschance hatten. Dabei ist Einsamkeit etwas, das jeden treffen kann, jede Ethnie und Altersgruppe. Stigmatisierungen durch prekäre Lebenssituationen, durch „Anderssein“ verschärfen die Lage. Martina Rudolph-Zeller von der Stuttgarter katholischen Telefonseelsorge berichtet: „2024 haben wir 14.808 Gespräche geführt. Bei den Älteren ab 50 Jahren drehten sich 13% um das Hauptthema Einsamkeit. Dazu kamen 1.289 Chatkontakte mit vorwiegend Jüngeren bis 40 Jahren: Da lag die Rate sogar bei 22%.“
Man weiß, dass sich Betroffene oft immer mehr zurückziehen, weil sie an ihrer sozialen Kompetenz zweifeln, an ihrer Attraktivität. Es ist erwiesen, dass Einsamkeit physisch krank macht – und physische Krankheit macht einsam. Ein Teufelskreis. Die NAKO- Gesundheitsstudie von 2024 zeigt, dass Migrant*innen der ersten Zuwanderergeneration seltener psychologische Hilfe in Anspruch nehmen als andere. Dabei ist Einsamkeit ein erwiesener Risikofaktor für Depressionen und Suizidgedanken.
„Wenn etwas nicht klappt bei einer Behörde, meinen sie, es läge an ihnen“, sagt Hofmann. „Dann erklären wir ihnen, dass wir ,nur‘ Personalmangel haben. Die Menschen, die sich immer weiter zurückziehen, werden misstrauisch: Gegenüber der Politik, sozialen und kirchlichen Institutionen, der Verwaltung – und sie werden so anfällig für Populismus. Und Einsame sind stärker von Demenz betroffen. Das sind enorme Folgekosten für die Kommunen – und Gefahren für die Demokratie“, erklärt Gabriele Reichhardt. Wenn man sich einmal einen durchschnittlich vollen Waggon der S-Bahn vorstellt, mit dem Wissen, dass jede*r Zehnte darin sich einsam fühlt, so wird das große Ausmaß fassbar – und dass hier eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe vorliegt.
Das Welcome Center begegnet dem mit dem „Willkommenspaten“-Projekt: „Wenn wir merken, jemand hat noch eine Sprachbarriere oder es mangelt ihm an Selbstvertrauen, um zum Beispiel in einer Behörde sein Anliegen zu schildern, dann stellen wir dieser Person auf Wunsch einen Paten oder eine Patin an die Seite“, so Lisa Hauff, die Leiterin. „Wir hatten eine Frau, die aus dem Iran geflohen war. Sie war Chemikerin, fand aber keine Arbeit. Sie tat sich schwer, Kontakte zu knüpfen, aber mit Hilfe ihrer Patin fand sie eine Stelle und jetzt waren die beiden zusammen in Paris. Sie hat Anschluss gefunden und sagt, das Schönste sei, dass da jemand sei, der ein offenes Ohr habe, der ihr Rückhalt gebe für Entscheidungen, die sie alleine treffen muss. Insgesamt haben wir bis jetzt 300 Patentandems vermittelt.“
Das Deutsch-Türkische Forum in Stuttgart unterhält ein Projekt namens Fempowerment, das Frauen aus der Türkei, die noch nicht lange hier sind, fit machen möchte, um ihre berufliche Zukunft in die Hand nehmen und sich aktiv am Leben in der Stadt zu beteiligen. Die oben zitierte Esin Akşener ist die Leiterin des Projekts, Berna Önal, Sena Yücel und Gizem Solmaz sind seit einiger Zeit dabei und voll des Lobes: „Wir haben festgestellt, dass Neuankömmlinge. Und in den Stadtteilen gibt es zum Teil „Generationenhäuser“ und Mütterzentren, wo man sich mit seinen Nachbarn zum Kaffee trinken treffen kann oder an Aktivitäten teilnehmen. Auch gibt es einige Sprachcafé unterschiedlicher Träger. Refika Yalcin vom Welcome Center hat einen Tipp für Unternehmen: „Wenn in Stellenanzeigen auf soziale Aktivitäten des Betriebs hingewiesen würde, würde das ihre Attraktivität erhöhen. Die Fachkräfte, die hierherkommen, wollen nicht nur als Arbeitskraft wahrgenommen werden, sondern als Mensch.“ Das Welcome Center hat einen Welcome Club für junge Menschen.
Es gibt Strategien gegen Einsamkeit, natürlich: Langfristiges soziales Engagement zum Beispiel oder Vereinsmitgliedschaften. In Stuttgart gibt es eine Freiwilligenagentur, die Menschen in ein Ehrenamt vermittelt. Eine Sorge hat Gabriele Reichhardt dennoch: „Das Einsamkeitsbarometer hat gezeigt, dass besonders viele junge Erwachsene von Einsamkeit betroffen sind. Es ist ein Thema, auf das wir immer neue Antworten geben müssen.“ Und Berna Önal meint: „Wir werden es schaffen. Aber wir brauchen Geduld. Und die anderen auch.“