Rassismus und psychische Gesundheit

Vortrag von Jan Ilhan Kizilhan

Im Rahmen des Diskussionsforums Einwanderungsland Deutschland
Di, 10. November 2026, 19.00 Uhr
Stadtbibliothek Stuttgart, S-Mitte
Mitveranstalter: Forum der Kulturen Stuttgart e. V, Landeszentrale für politische Bildung LpB
www.forum-der-kulturen.de

 

Foto: Jan Ilhan Kizilhan
Ausgabe: November 2026

Interview mit Jan Ilhan Kizilhan

„Psychotherapie sollte rassismussensibel sein“

Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan spricht sich dafür aus, Rassismus nicht länger nur als gesellschaftliche Ungerechtigkeit zu diskutieren, sondern zusätzlich die psychologische Komponente mehr in den Blick zur nehmen. Am 10. November 2026 hält der Direktor des Instituts für Transkulturelle Gesundheitsforschung Stuttgart im Rahmen des Diskussionsforums Einwanderungsland Deutschland einen Vortrag über Rassismus in Zusammenhang mit psychischer Gesundheit in der Stuttgarter Stadtbibliothek.

Die Fragen stellte Myriam Schäfer.

„Rassismus und psychische Gesundheit“ – so lautet der Titel Ihres Vortrags am 10. November. Wieso ist es wichtig, Rassismus und psychische Gesundheit zusammenzudenken?

Rassismus ist nicht nur ein gesellschaftliches oder politisches Problem. Er kann unmittelbar auf die psychische Gesundheit wirken. Wer wiederholt abgewertet, ausgegrenzt oder als „nicht zugehörig“ behandelt wird, erlebt Stress, der sich über Jahre summieren kann. Studien zeigen Zusammenhänge mit Angst, Depression, vermindertem Selbstwert und traumabezogenen Symptomen. Dabei muss es nicht immer ein spektakuläres Ereignis sein. Auch subtile Alltagserfahrungen können belasten, gerade weil Betroffene oft zusätzlich überlegen: War das wirklich rassistisch oder bilde ich mir das ein?

Bisher scheint dieses Zusammendenken eher wenig zu passieren, zumindest aus der Außenperspektive macht das den Anschein. Weshalb?

Weil Rassismus lange vor allem als gesellschaftliche Ungerechtigkeit diskutiert wurde und psychische Gesundheit eher als individuelles oder medizinisches Thema. Diese Trennung greift zu kurz. Viele Formen von Diskriminierung sind zudem schwer sichtbar. Sie geschehen in Schulen, Behörden, am Arbeitsplatz oder im Gesundheitswesen und werden nicht immer als gesundheitlich relevante Belastung erkannt. Auch in Beratung und Therapie wird danach noch zu selten gefragt. Dabei können solche Erfahrungen für das Verständnis von Angst, Rückzug, Misstrauen oder Erschöpfung wichtig sein.

Ihr Vortrag wird auch transgenerationale Traumata beleuchten. Wie wirken sich eigene Rassismuserfahrungen auf die psychische Gesundheit der Nachkommen aus?

Erfahrungen enden nicht automatisch mit der Generation, die sie gemacht hat. Eltern, die über lange Zeit Ausgrenzung erlebt haben, entwickeln Schutzstrategien. Sie warnen ihre Kinder, vermitteln besondere Vorsicht oder den Druck, „besser sein zu müssen“, um anerkannt zu werden. Manche ziehen sich stärker in die eigene Gemeinschaft zurück, andere sprechen kaum über Verletzungen. Kinder übernehmen solche Botschaften, Ängste und Erwartungen oft, auch ohne die ursprünglichen Erfahrungen selbst gemacht zu haben. Auch biologische Stressmechanismen werden erforscht. Besonders greifbar ist aber die Weitergabe über Beziehungen, Erziehung, Familienerzählungen und gesellschaftliche Strukturen.

Wo sind Stellschrauben, dem zu begegnen und damit auch daraus erfolgtes Leid zu mindern?

Auf mehreren Ebenen. Betroffene brauchen Räume, in denen ihre Erfahrungen ernst genommen werden, ohne sie darauf zu reduzieren. Psychotherapie und Beratung sollten rassismussensibel sein und Fachkräfte entsprechend ausgebildet werden. Schulen, Behörden und Gesundheitseinrichtungen müssen ihre eigenen Strukturen überprüfen. Zugleich sind soziale Unterstützung, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit wichtige Schutzfaktoren. Mir ist wichtig, nicht nur über Verletzlichkeit zu sprechen, sondern auch über Resilienz. Die zentrale Frage lautet: Was macht Rassismus mit Menschen und Familien und was können wir tun, damit sich solche Belastungen nicht über Generationen fortsetzen? Genau darüber möchte ich am 10. November sprechen.