Kulturamt Stadt Stuttgart

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Foto: Forum der Kulturen
Ausgabe: November 2026

Kulturpolitik in der postmigrantischen Gesellschaft

Gemeinsam Lösungen finden

75 Jahre Kulturamt Stuttgart: wir haben das Jubiläum zum Anlass genommen, mit Marc Gegenfurtner, Leiter des Kulturamts, und Alina Papagiannaki-Sönmez, Geschäftsführerin des Forums der Kulturen, über kulturpolitische Fragen unserer postmigrantischen Gesellschaft zu sprechen. Die Fragen stellte Myriam Schäfer.

75 Jahre Kulturamt, eine lange Zeit! Herr Gegenfurtner, helfen Sie bitte etwas nach: Was soll ein Kulturamt eigentlich leisten?

MG: Das Kulturamt schafft eine Grundstruktur für kommunale sowie geförderte Kultur in der Stadt. Als Verwaltungseinheit ist es nun 75 Jahre alt, einige Einrichtungen wie die Philharmoniker, das Stadtarchiv oder die Musikschule sind allerdings deutlich älter. Unser Anspruch im Kulturamt ist es, Themen wie beispielsweise Teilhabe und Nachhaltigkeit zu setzen, zu diskutieren, deren Akzeptanz zu stärken und kulturpolitische Leitlinien damit zu entwickeln. Ich verstehe das Amt als Gemeinschaft von im Kulturbereich Agierenden und Ermöglichenden. So werden wir nun erstmalig und mit Beteiligung der Geförderten Kriterien für unsere Kulturförderung entwickeln. Denn etwa ein Drittel unseres Budgets fließt in die Förderung kultureller Angebote.

Stuttgart hat sich in den letzten 75 Jahren gesellschaftlich stark verändert, die Stadt ist heute eine postmigrantische Stadt, in der mehr als die Hälfte der Menschen zumindest eine einseitige Einwanderungsgeschichte mitbringt. Wie verändert das die Arbeit des Kulturamts?

MG: Gute Kulturförderung entwickelt sich kontinuierlich weiter. In den vergangenen Jahren hat sie sich stärker für freie Strukturen und neue künstlerische Bereiche geöffnet. Auch Interkultur wurde zunehmend Querschnittsthema und hat Eingang in unterschiedliche Bereiche der Förderung gefunden. Gleichzeitig hat sich auch der Blick weiter verändert: In einer postmigrantischen Stadtgesellschaft geht es heute zunehmend darum, Vielfalt in Strukturen, Förderinstrumenten und im Selbstverständnis unserer Arbeit mitzudenken. Das ist noch nicht abgeschlossen und bleibt eine kontinuierliche Entwicklungsaufgabe.

Alina Papagiannaki-Sönmez: Das Forum der Kulturen als Dachverband der Stuttgarter Migrantenorganisationen ist nun bald 30 Jahre alt. Doch immer noch scheint es, als wäre „Interkultur“ noch nicht wirklich in der Kulturlandschaft angekommen, noch immer „neu“. Siehst Du da eine Entwicklung?

MG: Ich sehe viel Erreichtes. Institutionen haben sich in den vergangenen Jahren geöffnet und intensiver mit Fragen von Vielfalt, Teilhabe und Multiperspektivität auseinandergesetzt – oft noch unter dem Aspekt der Publikumsentwicklung. Zugleich zeigt sich, dass solche Veränderungsprozesse auch die Institutionen selbst betreffen und eine kontinuierliche Auseinandersetzung erfordern. Das gilt auch für uns als Kulturamt. Wichtige Impulse für diese Entwicklung verdanken wir dem Forum. Es ist längst nicht nur ein wichtiger Partner für das Kulturamt, sondern ist zu einem Kompetenzzentrum für die Weiterentwicklung einer vielfältigen Kulturlandschaft geworden.

APS: Ich komme selbst aus einem Kompetenzzentrum für das Gebäudereiner Handwerk in Hessen. Auch für das Forum beschreibt der Begriff unsere Rolle sehr treffend. Darin sehe ich großes Potenzial für einen noch engeren strategischen Austausch mit dem Kulturamt. Expertise ist das, was wir als Forum der Kulturen in die Gesellschaft, in die Praxis, in die Kulturarbeit tragen können. Mit KoMEP, dem Kompetenzzentrum Migration, Entwicklung und Partizipation, verfügt das Forum bereits über ein eigenes Kompetenzzentrum.

MG: Das Kulturamt greift schon heute regelmäßig auf die Kompetenzen des Forums zurück – sei es gemeinsam mit unserer Koordinierungsstelle für Kulturelle Bildung, KUBI-S, oder auch durch Impulse und Diskurse. Gerade im Austausch mit der vielfältigen Kulturszene ist das Netzwerk des Forums für uns besonders wertvoll und oft zentral für unsere gemeinsame Arbeit. Das Forum bringt Perspektiven, Erfahrungen und Zugänge zusammen, die unsere eigene Arbeit erweitern und bereichern. Diese Vielfalt an Perspektiven ist unverzichtbar, wenn Kulturpolitik die gesamte Stadtgesellschaft in den Blick nehmen will.

Alina, welche Kulturförderung wünschst du dir als Geschäftsführerin des Dachverbands postmigrantischer Organisationen?

APS: Auch aufgrund der finanziellen Engpässe bei der Stadt geht es nun darum, Prioritäten zu setzen. Gerade deshalb halte ich es für wichtig, dass Kulturamt und Forum ihre Zusammenarbeit strategisch ausrichten und gemeinsam fragen: Wie können wir den Herausforderungen unserer Zeit – sei es politisch, kulturell oder gesellschaftlich – gemeinsam begegnen? Wir müssen nun auf die Essenz der gesellschaftlichen Fragen antworten und hier unbedingt berücksichtigen, wie wichtig Kultur ist, um Krisen zu überwinden.

MG: Ich habe zunehmend den Eindruck, dass wir unsere Krisenkompetenz verlernt haben. Zugleich müssen wir uns neu ausrichten und dabei unsere Vorstellung von Wachstum und Entwicklung möglichst konstruktiv und nachhaltig verändern. Aber da wir in den vergangenen 75 Jahren zusammen so viel erreicht haben, sollten wir auch das Kommende gemeinsam gut bewältigen können. Arbeit und Wirtschaft waren immer wichtige Säulen in dieser Stadt, doch Kultur stiftet erst den Sinn, auch den Gemeinsinn. Kultur schafft Zuversichtsgemeinschaften.

Was ist Kultur und kann als solche durch das Kulturamt Unterstützung erfahren? Und wo liegt momentan die Deutungshoheit darüber?

MG: Ich halte die Frage nach einer Deutungshoheit in der Kultur nicht für zielführend. Aber natürlich entsteht durch die Verteilung von Geld zwangsläufig eine empfundene Form von Priorisierung. Und damit verbunden sind, solange es keine transparenten Förderkriterien gibt, folglich auch Machtfragen. Wir haben Kultur bislang immer mit einer gewissen undefinierten Offenheit betrachtet. Mit der nun entstehenden Erarbeitung von Förderkriterien wollen wir die Zukunftsfähigkeit und Teilhabeorientierung der Kulturinstitutionen in Stuttgart befördern und den Diskurs darüber in der und für die Stadtgesellschaft öffentlicher führen.

APS: Kultur wird im kommunalen Haushalt unter freiwillige Leistung verbucht, wodurch ihre Finanzierung nie wirklich gesichert ist. Diese Sorge beschäftigt mich auch als Geschäftsführerin des Forums der Kulturen, zumal wir keine klassische Kulturinstitution sind. Was kann uns hier sicher machen?

MG: Wenn Kultur von der Kommunalpolitik als wirklich relevant angesehen wird, ist es zweitrangig, ob das sogenannte freiwillige Leistungen sind oder nicht. Und wenn wir unsere jahrzehntelang erarbeitete Kooperationsfähigkeit nutzen, werden wir auch für das zukünftige kulturelle Leben in Stuttgart neue Strukturen finden und die hinter etwaigen Kürzungen auch stehenden sozialen Fragen besser lösen können. Dann wird sich zeigen, wie solidarisch wir alle sind. Auch die Einrichtungen des Kulturamts.

APS: Schwarmintelligenz hilft auch, Lösungen zu erarbeiten. Gute Lösungen entstehen, wenn unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen. Deshalb braucht es Räume für echten Dialog und Miteinander, wie unser gemeinsames Gespräch heute. Die Zusammenarbeit mit dem Kulturamt bedeutet für mich, Zuversicht und Verantwortung gemeinsam zu tragen. Vielen Dank!