Liebe Leser*innen,
Für die Lange Nacht der Demokratie haben Jugendliche in Stuttgart die Geschichten von sechs jüdischen Familien recherchiert, die im Holocaust verfolgt und ermordet wurden. Sie haben gemalt, gestaltet, gefragt und werden selbst durch ihre Ausstellung führen. Aus einer kaum fassbaren Zahl werden Namen, Gesichter und Geschichten.
Genau darin liegt eine der großen Aufgaben unserer Zeit: Menschen hinter Zahlen, Kategorien und Zuschreibungen wieder sichtbar zu machen. Diese Schwere bleibt. Entscheidend ist, wie wir heute mit ihr umgehen. Wie viel Kraft darin liegt, zeigt diese Oktober-Ausgabe auf ganz unterschiedliche Weise.
Bei der Langen Nacht der Demokratie bringen sechs verschiedensprachige Chöre ihre Stimmen zusammen. Ein Satz aus dem Beitrag ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Jede Stimme bleibt einzigartig, aber zusammen entsteht etwas Gemeinsames. Was für ein schönes Bild für eine vielfältige Gesellschaft.
Wo wir einander zuhören, beginnt das Gemeinsame.
Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen ihre eigene Stimme behalten und zugleich bereit sind, anderen zuzuhören. Dazu gehört auch, Räume zu schaffen, in denen Menschen sichtbar werden und selbst bestimmen, wie sie gesehen werden möchten. Die Stuttgarter Ballroom Community schafft solche Räume.
Odile Néri-Kaiser wiederum zeigt seit Jahrzehnten, was geschieht, wenn Menschen einander Geschichten erzählen: Aus Zuhören entsteht Resonanz, aus Resonanz Beziehung. Wie herausfordernd dieser Weg sein kann, erzählt der Dokumentarfilm Until We Talk. Zwei Väter, ein Israeli und ein Palästinenser, verlieren ihre Töchter im Nahostkonflikt. Sie hätten allen Grund, einander als Gegner zu begegnen. Stattdessen beginnen sie miteinander zu sprechen. Ihre Unterschiede bleiben. Ihr Schmerz bleibt. Doch auch das Gespräch bleibt.
Gerade darin liegt für mich etwas Wesentliches: Dialog verlangt keine Einigkeit. Er verlangt die Bereitschaft, den Menschen im Gegenüber zu sehen. Auch Erinnerung braucht diesen Austausch. Ein Koffer mit den Aufzeichnungen einer Großmutter aus Kasachstan wird in den Händen ihrer Enkelin zum Kunstwerk. Junge Menschen in Stuttgart geben den Geschichten jüdischer Familien eine neue Form. Vergangenheit wird so Teil unserer Gegenwart und unsere Art, mit ihr umzugehen, prägt die Zukunft.
Diese Ausgabe erscheint zugleich an einem besonderen Übergangspunkt für das Forum der Kulturen. Nach 28 Jahren endet mit Rolf Grasers Abschied eine prägende Ära. Vieles, was das Forum heute ausmacht, hat er gemeinsam mit vielen Wegbegleiter*innen aufgebaut und geprägt. Ein Gedanke aus seinem Abschiedsinterview weist für mich besonders nach vorne: Partizipation gelingt dort, wo Menschen wirklich beteiligt sind, aus eigenem Antrieb und mit eigener Stimme. Diese Haltung bleibt. Zugleich beginnt ein neues Kapitel.
Lieber Rolf, für das, was Du aufgebaut, angestoßen und gemeinsam mit vielen anderen möglich gemacht hast, danke ich Dir. Für deinen neuen Lebensabschnitt wünsche ich Dir von Herzen alles Gute.
Denn Demokratie lebt weder allein von Institutionen noch von großen Worten. Sie lebt davon, dass Menschen sich einbringen können. Dass ihre Geschichten Raum bekommen. Dass wir einander zuhören, auch wenn es schwierig wird.