Foto: Ferdinando Iannone
Ausgabe: Oktober 2026

Rolf Graser vom Forum der Kulturen geht in den Ruhestand

„Ich wollte etwas Sinnvolles machen“

Er hat das Forum der Kulturen Stuttgart e. V. (mit)gegründet, galt als Pionier des interkulturellen Dialogs, initiierte Weltmusikfestivals, den Bundesfachkongress Interkultur und entwickelte das House of Resources. Nach 28 Jahren hat Rolf Graser die Geschäftsführung an seine Nachfolgerin Alina Papagiannaki-Sönmez übergeben. Im Interview blickt er zurück.

Interview von Angelika Brunke.

Rolf, wie kam es 1989 zur Gründung des Forums der Kulturen? Was hat dich dazu bewogen, hierbei aktiv mitzuwirken?

In den 70er- und 80er-Jahren entwickelte ich – inspiriert durch verschiedene Reisen in Südamerika und Afrika – im Kulturzentrum Laboratorium Themenreihen zu verschiedenen Regionen des globalen Südens. Von Anfang an wollte ich dies jedoch nur gemeinsam mit hier lebenden Menschen, die aus diesen Ländern kamen, realisieren. So kam ich schon früh mit migrantischen Vereinen und Künstler*innen in Kontakt. Und gerade weil diese Veranstaltungen unmittelbar von und mit diesen gemacht wurden, waren sie auch sehr erfolgreich. Das ist die eine Seite.

… und die andere Seite?

Ich habe viele Jahre im Kosmos Verlag Auto- und Motorzeitschriften produziert, ohne jeglichen Bezug zum Thema, ich hatte nicht mal einen Führerschein. Diese Zeitschrift wurde dann Mitte der 90er-Jahre an einen anderen Verlag verkauft – und ich habe mir überlegt: Was mache ich jetzt Neues? Ich wollte etwas Sinnvolles machen, etwas zu dem ich einen unmittelbaren Bezug hatte.

Du musstest vermutlich nicht lange suchen …

Genau. Denn damals waren weder das Engagement der vielen Migrantenvereine sichtbar noch die vielen interkulturellen bzw. internationalen Kulturangebote, sofern sie nicht im Mainstream lagen. Also dachte ich mir: mit einer breit angelegten Zeitschrift, die all das aufgreift, könnte man hier etwas bewegen. Und mir war klar, das geht nur gemeinsam mit Migrantenvereinen, mit denen ich, insbesondere mit Sami Aras, einem ihrer Protagonisten, schon seit längerem im engen Austausch stand. Bei diesen Vereinen herrschte damals großer Unmut über die mangelnde Förderung durch die Stadt und ihre geringe Beachtung in der Öffentlichkeit. Eines kam zum andern und so wurde im Mai 1998 das Forum der Kulturen gegründet. Durch die lange Vorlaufzeit, die dieser Gründung vorausging, ist es uns auch gelungen, alle Strömungen, also die Vereine in ihrer damals schon großen Unterschiedlichkeit einzubeziehen.

Hast du in der Gründungszeit geahnt, was da auf dich zukommt?

Es gab so einen Moment, als Sami und ich das Konzept für den Dachverband entwickelt haben: Sami hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt: „Und du wirst dann Geschäftsführer.“ Da standen mir spontan die Schweißperlen auf der Stirn. Offensichtlich hab ich damals schon geahnt, was da alles auf mich zukommen wird.

Wie habt ihr euch zu Beginn finanziert?

Anfangs lief alles komplett ehrenamtlich. Mein Wohnzimmer war unser Büro. Das erste voll finanzierte Projekt waren ein Mittelmeerfestival und eine NGO-Mittelmeerkonferenz, gefördert von der EU. Irgendwann erhielten wir dann eine dauerhafte Förderung durch die Stadt und konnten Anja Krutinat als erste feste Mitarbeiterin einstellen. Doch ohne ehrenamtliche Unterstützung wäre das alles nichts geworden. Und das gilt auch heute noch.

Du hast immer wieder neue Projekte und Veranstaltungen entwickelt. Welche empfindest du aus heutiger Sicht als besonders wegweisend?

Ein Meilenstein war zweifellos der erste Bundesfachkongress Interkultur, den wir 2006 in Stuttgart organisierten. Es war der erste seiner Art, der seitdem im Zweijahres-Rhythmus durch Deutschland tourt. Für das Forum der Kulturen war es der entscheidende Schritt ins bundesweite Geschehen.

Und dann natürlich 2015 das speziell auf Migrantenvereine zugeschnittene Förderkonzept House of Resources. Das haben wir vor 11 Jahren entwickelt. Inzwischen ist es bundesweit bekannt und verankert und bis heute eines der Vorzeigeprojekte des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Was war für dich in den vergangenen 30 Jahren der größte Glücksfall?

Die tollen, super engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Forums, Hauptamtliche wie Ehrenamtliche. Deshalb gebührt das Lob, das ich bekomme, auch immer denen, die all das überhaupt möglich gemacht haben.

Worauf hättest du gerne verzichtet?

Auf das Erstarken der Rechten und damit die zunehmende Migrationsfeindlichkeit in großen Teilen der Politik, aber auch der Gesellschaft. Und natürlich hätte ich gerne auf die aktuelle Zuschusskürzung der Stadt verzichtet. Eine Kürzung um mehr als 100.000 Euro – das ist für uns dramatisch, vor allem, weil unsere Finanzlage ja schon immer äußerst angespannt war.

Welche Eigenschaften kennzeichnen dich?

Ich bin in erster Linie ein Praktiker, ein Macher, aber auch ein politischer Mensch, der versucht, in gesamtpolitischen, globalen Zusammenhängen zu denken und zu handeln. Und ich bin jemand, der immer versucht, zunächst mal einvernehmliche Lösungen herzustellen. Ich versuche, möglichst alle Beteiligten voll mitzunehmen und einzubeziehen. Und dann blicke ich in dem, was ich mache, stets optimistisch nach vorne, also „Optimismus der Tat“, ohne dass ich mir Illusionen über die Realität mache, statt „Pessimismus des Wissens“.

Du hast viele erfolgreiche Initiativen und Projekte initiiert und begleitet. Gibt es so was wie ein Erfolgsrezept?

Egal, was du vorhast, es gelingt nur, wenn die, die es betrifft, wirklich miteinbezogenen sind und dahinterstehen, und zwar aus eigenem Antrieb – nicht weil man sie überredet oder irgendwie mitschleppt. Partizipation, Selbstbestimmung und auch Empowerment sind die zentralen Stichworte.

Hat sich Eure Arbeit im Laufe der Jahre verändert?

Wir sind 1998 gleich nach außen, an die breite Öffentlichkeit gegangen– mit der Zeitschrift und ab 2001 mit dem Sommerfestival der Kulturen. Uns war zunächst eine möglichst breite Verankerung der Vereine und unserer Arbeit in der Stadtgesellschaft wichtig. Zunehmend rückte dann aber die nachhaltige Stärkung der Vereine sowie einzelne Schwerpunktthemen in den Mittelpunkt, wie z. B. Elternarbeit oder Entwicklungspolitik – und dann natürlich die zentrale Auseinandersetzung mit Rassismus in all seinen Ausprägungen sowie verstärkt Angebote des Empowerments –  all das verbunden mit einem deutlich selbstbewussteren Auftreten der Vereine.

Die Expertise von Migrantinnen und Migranten wurde ja lange Zeit weder erkannt noch anerkannt …

Dies gilt bei einigen Bildungsträgern leider auch heute noch. Beim Forum – und eigentlich auch schon bei meinen Aktivitäten im Laboratorium – stand die migrantische Expertise schon sehr früh im Mittelpunkt, gewann im Laufe der Jahre aber zunehmend an Bedeutung. So sind zum Beispiel die Referent*innen unserer FliS-Bildungstage nahezu ausschließlich Akteur*innen aus den Vereinen.

Das Haus der Kulturen könnte ein weiterer wichtiger Schritt sein …

Das Haus der Kulturen war bereits bei der Gründung des Forums der Kulturen eine zentrale Forderung der Vereine und damit auch des Forums. In den letzten Jahren ist nun endlich Bewegung in dieses Thema gekommen. Auch der Gemeinderat hat sich zu einem Haus der Kulturen bekannt. Angesichts der aktuellen Standortdiskussion und der Haushaltslage ist allerdings wieder manches ins Wanken gekommen.

Was bedeutet denn das Forum der Kulturen für dich und dein Leben?

Viel. Es ist ja ein Stück weit mein Lebenswerk – wobei ich das Forum der Kulturen nicht alleine geschaffen habe. Es gibt aber noch viel mehr in meinem Leben, das mir mindestens genauso wichtig ist: Die Beziehung zu meiner Lebensgefährtin, das Klettern und die Berge, Musik, Theater und Literatur, die großen Feste mit vielen Freund*innen – und natürlich weiterhin das eigentlich für uns alle unverzichtbare politische Engagement. Es wird also auch noch ein erfülltes Leben nach dem Forum geben.

Was müsste sich generell ändern, um die Bedingungen für die Vereine und für die Arbeit des Forums der Kulturen zu verbessern?

Migration muss endlich von allen Seiten, auch von Seiten der Politik und der Medien, als Normalität und Menschen mit einer Migrationsgeschichte endlich als unverrückbarer, in jeglicher Hinsicht gleichwertiger Teil unserer Gesellschaft gesehen werden – und zwar völlig unabhängig von der Frage nach ihrer „Nützlichkeit“, denn es muss immer auch um Menschenrechte und Menschenwürde gehen! Momentan wird mit viel Aufwand versucht, Migration zu verhindern. Stattdessen sollten wir alle unsere Ressourcen, auch unsere Emotionen, darauf verwenden, gemeinsam Migration zu gestalten – und das heißt nicht zuletzt, Teilhabe und damit auch echte Diversität ermöglichen. Wenn dies von allen Seiten verinnerlicht wäre, hätten auch die Vereine und das Forum der Kulturen bessere Arbeitsbedingungen. Momentan allerdings sind wir hiervon weiter denn je entfernt.

Du hast 2013 das Bundesverdienstkreuz bekommen. Was bedeutet das für dich?

Das war natürlich ein schönes Zeichen, dass meine Arbeit gesehen und wertgeschätzt wurde und bedeutet mir auch heute noch viel. Es gibt viel zu wenig öffentlich sichtbare Anerkennung für Menschen, die sich für das, was man „Gemeinwohl“ nennt, abrackern – oft bis zum Geht-nicht-mehr. Je mehr du machst, umso mehr Kritik gibt es – Lob ist da eher die Ausnahme. Ich hatte das Glück, eine solche große Auszeichnung zu bekommen. Aber es gibt noch viele mehr, die eine solche Würdigung verdient hätten. Im Grunde müssten wir solche Auszeichnungen jüngeren Leuten geben, die noch nicht fest im institutionell gesicherten Sattel sitzen, die eine solche ermutigende Anerkennung aber dringend nötig hätten.

 

Meilensteine

Rolf Graser wurde 1954 in Stuttgart geboren. Nach dem Abitur begann er 1973 eine Ausbildung zum Verlagsbuchhändler im Kosmos Verlag, wo er mehr als 20 Jahre arbeitete. Im Laboratorium (LAB), das im September 1972 gegründet wurde, engagiert er sich von der ersten Stunde an und war bis 2025 Vorsitzender des soziokulturellen Zentrums. Er entwickelte Kabarett-Formate, das legendäre LAB-Festival, sowie neue Veranstaltungsformate und Schwerpunktreihen, bei denen vor allem Kultur und Politik von Ländern des globalen Südes im Zentrum standen.

Im Mai 1998 war er maßgeblich an der Gründung des Forums der Kulturen beteiligt und wurde dessen Geschäftsführer. 2001 erschien erstmals die interkulturelle Programmzeitschrift, das heutige IN MAGAZIN, zugleich fand das erste Sommerfestival der Kulturen statt – maßgeblich entwickelt, konzipiert und realisiert von Rolf Graser.

Gemeinsam mit seinen Mitarbeiter*innen initiierte Rolf Graser etliche weitere Festivalkonzepte sowie innovative und richtungsweisende Formate zur Stärkung der Teilhabe (post-)migrantischer Akteure. Bundesweit bekannt und wirkungsvoll war die „Erfindung“ des House of Resources, eines bedarfsgerechten und kleinteiligen Förderkonzeptes für Migrant*innenvereine. Das gilt auch für die Konzepte zur diversitätssensiblen und rassismuskritischen Öffnung von Kultureinrichtungen. 2006 fand in Stuttgart erstmals der von Rolf Graser mitinitiierte Bundesfachkongress Interkultur statt, gemeinsam mit dem Bundesweiten Ratschlag Kulturelle Vielfalt ein wichtiger Anker des interkulturellen Dialogs.

Maßgeblich beteiligt war Rolf Graser auch 2015 an der Gründung des Bundesverbands Netzwerke von Migrant*innenorganisationen e. V. (NeMO) sowie 2023 an der Gründung des baden-württembergischen Landesverbands (post)migrantischer Organisationen (LpMO), dessen Arbeit Rolf Graser auch heute noch als Berater begleitet.

In Stuttgart ist Rolf Graser weiterhin engagiert als Sachkundiges Mitglied des Internationalen Ausschusses der Stadt Stuttgart, dem er seit 2009 angehört.

2013 erhielt er für seine Arbeit das Bundesverdienstkreuz.