The Miss Piggy Kiki Ball

Sa, 24. Oktober 2026, 16.00 Uhr

Panel Talk
u. a. zum Thema deutsche und europäische Ballroom Community und zur Entwicklung der Stuttgarter Szene mit internationalen Judges und Special Guest Chris Bodega
So, 25. Oktober 2026, 13.00 Uhr

Theater Rampe, S-Süd
www.theaterrampe.de

SERVE.Stuttgart
we@servestuttgart.de
Instagram:@serve.stuttgart
Hauptsitz: Jugendhaus Heslach, S-Süd

Foto: JJ Sun Milan
Ausgabe: Oktober 2026

Miss Piggy Kiki Ball in der Rampe

Glamour ist kein Privileg

Beim Miss Piggy Kiki Ball wird das Theater Rampe zum Laufsteg. Die Stuttgarter Ballroom Community feiert Mode, Performance und das Recht, Raum einzunehmen. Der Ball war im letzten Jahr nach Minuten ausverkauft. Ein Besuch bei den Proben.

Von Julia Haaga

„Style comes in all shapes and sizes“, lautet ein Fashion-Mantra der Muppet-Diva Miss Piggy. Beim Kiki Ball bekommt dieser Satz eine Bühne. Miss Piggy wartet nicht darauf, dass man ihr Raum gibt. Sie nimmt ihn sich. Glamour ist kein Privileg. Deshalb ist sie die Ikone für einen Abend, an dem es um mehr geht als spektakuläre Outfits und Performances.

Am 24. Oktober lädt die SERVE.Ballroom Community Stuttgart zum Miss Piggy Kiki Ball ins Theater Rampe. Das Motto ist augenzwinkernd, der kulturelle Hintergrund ernst: Ballroom entstand in den queeren Schwarzen und lateinamerikanischen Communities New Yorks. Menschen, die Ausgrenzung erfuhren, schufen eigene Räume und selbst gewählte Familien. Mode, Tanz und Performance wurden zu Mitteln, Identität zu zeigen und Freiheit zu erproben. Die Community ist oftmals der einzige Raum, in dem Freiheit erlebt werden kann.

SERVE organisiert Workshops, Balls und Veranstaltungen für Szene-Erfahrene und Neugierige. Im Mittelpunkt stehen Austausch und Räume, in denen Menschen sich zeigen können, wie sie sind – oder sein möchten.

Die Regeln des Balls

Bei den Balls treten Performende in verschiedenen Kategorien an: Runway, Voguing, Face, Body, Fashion oder Realness. In Stuttgart reicht die Palette von Beginners Runway und Fashion Killa über Vogue Fem, Old Way und New Way bis zu Black Hair Magic, Lip Sync Production, Sex Siren und Nails Affair. In der internationalen Ballroom-Szene gibt es zahlreiche weitere Kategorien.

Bei den Training-Sessions

Ein spätsommerlicher Abend in Stuttgart. Etwa 15 Menschen lachen, wärmen sich auf. Musik dröhnt aus den Boxen. Organisatorin Carina Clay alias Cary 007, Co-Leiterin der SERVE.Ballroom Community, nimmt neben mir Platz. „All American Runway“, erklärt sie gegen die Lautsprecher. „Wir judgen uns gegenseitig. Das hier ist ein geschützter Raum, hier ist das möglich.“ Fünf Dinge zählen: Outfit, Walk, Posing und Attitude. Attitude heißt: die gewählte Rolle überzeugend verkörpern. Und Nummer fünf: „Confidence!“ Unter dem Ballroom Namen Cary 007 fördert sie seit 2022 junge queere Menschen und People of Color. Außerdem entwickelt sie rassismuskritische, künstlerische Formate.

Die Menge jubelt. Links gibt die Jury Handzeichen. Veranstalter Escobar Fenty Savage ist heute Judge. Sein schwarzer Fächer wippt bei jeder Bewertung mit. Die tanzende Person fixiert ihn.

Runde zwei. Eine weitere Person tritt an. „They are throwing shade“, flüstert mir Cary zu. 2019 kam sie selbst zum ersten Mal mit Ballroom in Berührung. Im Wettbewerb gilt es, das Gegenüber mit der eigenen Performance zu überstrahlen: die Rolle nicht nur zu spielen, sondern ganz in ihr aufzugehen.

European Runway

European Runway: hohe Absätze. Ich denke an Anna Wintour, Hermès, Dior. Doch hinter dem Glamour stehen Sichtbarkeit und Unterstützung. Viele Performende gehören Wahlfamilien an, sogenannten Houses. Die Menge feiert, ich wippe mit. Das würde Anna Wintour vielleicht auch. Zumindest innerlich.

Die nächste Performance: Old Way, eine Mischung aus ägyptischen Hieroglyphen, Martial Arts und anderen alten Einflüssen. Moli Fenty Savage stammt aus Berlin und hat in Stuttgart einen Raum aufgemacht. „Ein Profitraining“, sagt Cary. Sie geht in die Knie, bewegt sich zur Jury. Dazwischen „Crashes im Beat“, auf die die Performenden ihre Posen setzen.

Stories on the Dancefloor

Auftritt Tristan. Disziplin: New Way. Nach einem Jahr Japan ist er zurück. Er strahlt, performt. Applaus. „I wanna be loved by you …“ tönt nostalgisch durch den Raum. Jetzt: Vogue Femme.

Die Community ist international vernetzt. Studierende und Traveller kommen nach Stuttgart, im Auslandssemester oder weil sie auf Reisen von der Community gehört haben. Es geht um künstlerische Freiheit – und um die Gewissheit, alles sein zu können. Jeder Tanz erzählt eine Geschichte: „Stories on the Dancefloor“.

„Es ist wichtig, dass wir viel reisen“, erzählt Cary Clay später. Sie ist professionelle Tänzerin, Performerin beim Citizen.KANE.Kollektiv und Yogalehrerin. „Einerseits, weil wir uns gegenseitig supporten, andererseits ist jedes Event auch Networking.“

Königsdisziplin: Realness

Ein Performer geht auf die Judges zu und schüttelt mit souveräner Miene drei Hände. „Die Königsdisziplin“, sagt Cary. „Eine Übung fürs wahre Leben.“ Realness werde trainiert, um draußen bestehen zu können: bei der Suche nach Jobs oder Wohnungen – und um sich gegen Gewalt und Anfeindungen zu schützen.

Fashion Killah

Escobar Fenty Savage ist Fashion Designer. Sein Style: Fashion Killah. Seine Outfits schneidert er selbst – in der Ballroom Community eine geschätzte Kunst. Dieses Jahr war er bereits auf fünf Balls.

Cary erinnert sich an ihren ersten Ball in Paris: „Mein Outfit war inspiriert von ,Maleficient‘“. Die Hörner habe ich selbst entworfen, das Kostüm schneiderte mir Escobar Fenty Savage.“ Der lächelt: „Für die Community mache ich das.“

Cary schreitet im European Runway über die Bühne. „Ich war so aufgeregt.“ Adrenalin gehört zum Runway. „Auch das lernen wir. Unsere Performance so zu üben, dass wir im Ernstfall ruhig bleiben können.“ Stunden nach Probenbeginn verabschieden wir uns. Was wünschen sich Cary 007 und Escobar Fenty Savage für ihre Community? „Dass es die geschützten Räume nicht mehr geben muss.“