Al-Madjlis

Foto: David Frank
Ausgabe: November 2026

Rassismus gegen Muslime

Dialog gegen Bitterkeit

Ahmad Al Saadi will muslimisches Leben in Stuttgart sichtbarer machen. Dafür hat er den mobilen Begegnungsraum Al-Madjlis gegründet und an dem Projekt Muslimisches Leben in Stuttgart mitgewirkt. Sein Ziel: Vorurteile mit Wissen bekämpfen.

Von Silvana El Sayegh.

Zehn Prozent der Stuttgarter Bevölkerung sind muslimischen Glaubens. Ahmad Al Saadi ist einer von ihnen. Der 36-jährige Deutsch-Palästinenser lebt zwar erst seit elf Jahren in Stuttgart, doch seine Arbeit für den interreligiösen Dialog macht sich bereits bemerkbar. Mit dem Projekt Al-Madjlis bildet er junge Muslim*innen fort, damit sie am gesellschaftlichen Diskurs über sich selbst teilnehmen können. Auch am Ausstellungsprojekt Muslimisches Leben in Stuttgart hat er mitgewirkt.

Al Saadi wurde als Sohn palästinensischer Eltern im Flüchtlingslager Jarmuk in Syrien geboren und studierte dort Architektur. Als 2011 der Bürgerkrieg ausbrach, floh er nach Deutschland. Er lernte Deutsch, engagierte sich in der Flüchtlingshilfe und wurde später Leiter von Flüchtlingsunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen in Chemnitz. „Ich habe das Chaos in Chemnitz erlebt und die ersten Pegida-Demonstrationen gegen Geflüchtete und Muslim*innen im Jahr 2014“, erzählt er. Man hört heraus, wie stolz er darauf ist, es geschafft zu haben, mitten in diesem Hass seine Aufgabe gut zu erfüllen.

2015 kam er nach Stuttgart, wo er eine Unterkunft mit aufbaute, in der kurzfristig rund 500 Geflüchtete untergebracht werden mussten. Im selben Jahr wurde sein Sohn geboren. Der junge Vater wollte, dass sein Kind in einem Umfeld aufwächst, in dem Hass keinen Platz hat. Vor allem sollte es eine bessere Kindheit werden als seine eigene – die eines staatenlosen Flüchtlings in dritter Generation unter der damaligen syrischen Diktatur.

Das Herzensprojekt Al-Madjlis

„In Deutschland habe ich zum ersten Mal erlebt, dass ich nicht kämpfen muss, um als Mensch mit Rechten wahrgenommen zu werden“, sagt er über das harte Leben palästinensischer Geflüchteter in Syrien und den Nachbarländern. In Stuttgart habe er seine Berufung erkannt, dass er „ein Kämpfer für den Frieden“ sein wolle. Inspiriert war er von der israelischen Frauenfriedensbewegung 2012 und der Musik von Yael Deckelbaum auf dem Sommerfestival der Kulturen.

Von der Flüchtlingshilfe wechselte er zur Bildungsarbeit für Frieden beim Projekt Shalom und Salam des Kubus e. V., das Begegnungen zwischen Palästinenser*innen und Israelis fördert. Dort erkannte Al Saadi, dass über muslimische Gemeinschaften oft gesprochen werde, aber zu selten mit ihnen. Deshalb entwickelte er Al-Madjlis – „die Versammlung“. Das Projekt bringt seit vergangenem Jahr junge Muslim*innen, Geflüchtete sowie Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte zusammen. Träger ist die Türkische Gemeinde in Baden-Württemberg, gefördert wird es vom Bundesinnenministerium.

Bis Ende 2027 sollen rund 60 junge Muslim*innen fortgebildet werden, um Begegnungen mit der Mehrheitsgesellschaft zu fördern. Das Angebot reicht von gewaltfreier Kommunikation bis zur Schreibwerkstatt. „Für uns ist klar: Das Grundgesetz ist der rechtliche Rahmen unseres Zusammenlebens. Gleichzeitig wollen wir Räume schaffen, in denen junge Menschen offen über religiöse Fragen, Werte und mögliche Spannungen im Alltag sprechen können“, sagt Al Saadi. Deshalb gehören zu seinem Bildungsteam nicht nur ein islamischer Theologe, sondern auch Kooperationspartner*innen der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.

Muslimisches Leben sichtbar machen

„Stuttgart ist zu Hause“, sagt Al Saadi in einem Interview in der virtuellen Ausstellung Muslimisches Leben in Stuttgart, an deren Organisation er mitwirkt. Das Projekt porträtiert mehr als 35 muslimische Stuttgarter*innen, die von ihrem Leben und der Rolle ihres Glaubens erzählen.

Eine Ärztin, eine Lehrerin, eine IT-Fachkraft, ein Einzelhändler in Rente und andere muslimische Menschen, denen man täglich begegnet, oft ohne sie bewusst wahrzunehmen. Genau das möchte Al Saadi ändern. Die Initiative ging vom Muslimischen Netzwerk Stuttgart aus, gefördert von der Robert Bosch Stiftung. Verantwortlich ist die Eugen-Biser-Stiftung. Die virtuelle Ausstellung wurde bereits im Rathaus gezeigt, weitere Ausstellungsorte sind in Planung.

Al Saadi sieht zwei Ursachen für antimuslimischen Rassismus: rechtsextreme Ideologien und mangelndes Wissen. Genau dort setzt seine Bildungsarbeit an. Denn Begegnung und Austausch baut Vorurteile ab.