Odile Néri-Kaiser
Ars Narrandi e. V.
www.ars-narrandi.de
Wahrer als wahr: Ein Leben mit Märchen und Geschichten
Geschichtenreise mit Odile Néri-Kaiser durch ihr Leben in Frankreich, Deutschland und dem Senegal.
Do, 22. Oktober 2026, 19 Uhr
Welthaus, S-Mitte
Auszeichnungen:
1999 erhielt Odile Néri-Kaiser den UNO-Friedenspreis für ihr Projekt Le Pont – Die Brücke, das französische und deutsche Kriegsveteranen zusammenbrachte. 2021 bekam sie den Meininger Märchenpreis und 2026 die Medaille de l‘ amitie franco Allemande.
Hauptberuflich Erzählerin: Odile Néri-Kaiser
Menschen brauchen Geschichten
Odile Néri-Kaisers Schüler*innen im Banlieu waren jugendliche Migrant*innen, von denen die meisten weder richtig lesen noch schreiben gelernt hatten. Sie sollte ihnen diese Fähigkeiten so vermitteln, dass sie am normalen Unterricht teilnehmen konnten. Doch sie drang mit den üblichen Methoden des Unterrichtens nicht zu ihnen durch.
Eines Tages begann sie ohne Bücher zu arbeiten und sprach direkt zu ihrer Klasse. Sie beobachtete, wie das mündliche Erzählen die Aufmerksamkeit der jungen Schülerinnen und Schüler gewann. Der Prozess des Sprechens und Zuhörens entfaltete sich und damit auch die echte Teilnahme der Jungen und Mädchen. Von Zuhörer*innen entwickelten sie sich zu Erzählenden, ein Austausch begann. Odile Néri-Kaiser wurde zur professionellen Erzählerin und erlebte diesen Prozess immer wieder. Die Faszination des mündlichen Erzählens ließ sie nicht mehr los.
Nach einer langen gemeinsamen Zeit in Frankreich kam Odile Néri-Kaiser mit ihrem Mann nach Stuttgart und lebt jetzt seit vielen Jahren in der Region. Sie arbeitete oft mit Menschen, denen sonst kaum jemand zuhört und erzählte ihnen die archaischen Geschichten, die in vielerlei Gestalt in den Kulturen der Welt variiert werden. Geflüchtete Frauen erzählten ihr, was sie erlebt hatten und Odile erzählte diese Erlebnisse wieder anderen Menschen. „Es ist etwas, das unmittelbar berührt, wenn dir ein Mensch gegenübersitzt, der dir sagt: Das ist mir passiert, das habe ich erlebt“, erklärt sie. „Das ist völlig anders, als wenn du das im Fernsehen hörst. Wenn man vor einem Bildschirm sitzt, nimmt man Informationen oder gesteuerte Emotionen auf; wenn jemand erzählt und eine Erfahrung weitergibt, nimmt man die menschliche Note unmittelbar wahr und kann reagieren, sich einbringen und Fragen stellen.“
Das motivierte sie zu ihrem Projekt Le Pont / Die Brücke Ende der 90-er Jahre: Sie brachte französische und deutsche Kriegsveteranen zusammen und ermöglichte so den Austausch der Erlebnisse und die Versöhnung der Teilnehmenden.
Seit Menschen sprechen, erzählen sie.
Was ihr wichtig ist: Auch mit Kindern sollte man sprechen wie mit vernunftbegabten Wesen, denn das sind sie: „Sie merken es, wenn man sie nicht für voll nimmt!“ Und sie nimmt ein deutliches Bedürfnis von Kindern nach Erzählungen wahr. Nicht einmal Vorlesen kann das ersetzen. „Beim Erzählen schaut man sich an, man nimmt die Stimmungen und Reaktionen des Gegenübers auf. Eine Resonanz entsteht.“
Menschen erfahren etwas voneinander, das unter den Worten der Erzählung liegt. Mit großer Sorge nimmt sie wahr, wie Bildschirme Menschen ersetzen. Wie schon kleine Kinder versuchen die Blicke von Mutter und Vater zu erhaschen, die in ein Smartphone schauen. Dabei geht es nicht um Technikfeindlichkeit. Es sei vielmehr die Entwicklung der Beziehungsfähigkeit, die leidet, findet sie.
Odile Néri-Kaiser ist tief in die Geschichte des Erzählens eingetaucht. Es ist eine Kulturtechnik, die so alt wie die Menschheit selbst ist. Sie ist älter als die Schriftsprache und sie klingt anders, wie sie betont: „Du erzählst mit deinen Worten, mit deinen Bildern und in den Zuhörern entsteht ein eigenes Bild.“ Noch heute wird diese Kulturtechnik in Afrika und in arabischen Ländern gepflegt -mit größerer Selbstverständlichkeit als bei uns. „Ein guter Erzähler ist der, der die Ohren der Menschen in Augen verwandelt“ – so sagt es ein arabisches Sprichwort. Im Senegal entdeckte sie die „Arbres à palabres“ (Palaverbäume). Niedrige Sitzgelegenheiten unter Bäumen, unter denen man zusammenkommt, um sich etwas zu erzählen.
Lange bevor in Frankreich Charles Perrault oder später in Deutschland die Brüder Grimm mündlich überlieferte Erzählungen sammelten und aufschrieben, existierten diese teils grausamen, teils wundersamen Geschichten – oft ohne Moral und Belehrung. Später geschriebene Versionen unterschieden sich von den mündlich überlieferten Ursprungsgeschichten, die es auf der ganzen Welt gibt.
Odile Néri-Kaiser verfügt über ein riesiges Repertoire und erzählt zum Beispiel eine alte Version von Rotkäppchen, in der dieses die zerrissenen Teile der Großmutter unwissentlich aufisst. Oder eine Version von Blaubart, in der die letzte Frau es schafft, das Monster zu bezwingen, indem sie es mit seinen eigenen Ängsten konfrontiert: „Zieh dich aus! Schreit das Monster. Und das Mädchen antwortet: Zieh dich zuerst selbst aus!“ Schicht um Schicht legt Blaubart ab und steht am Ende genauso hilflos da wie sein Opfer. Tiefe menschliche Ängste und Motive werden so sichtbar, ohne dass man am Ende immer weiß, wie die Moral der Geschichte lautet.
Odile Néri-Kaiser erzählt eindringlich. Sie tritt auch auf Bühnen auf, aber die direkte Situation unter den Zuhörer*innen ist ihr am liebsten. Den Verein Ars Narrandi – wenn Worte wandern gründete sie 2010 mit dem Ziel, die Kultur des mündlichen Erzählens zu fördern. Dabei geht es um traditionelle Mythen, Märchen und Sagen, aber auch neue Geschichten, biografische Geschichten und Geschichten aus der Literatur. Das Reservoir ist unermesslich!