Sinti*zze und Rom*nja

Rund 12.000 Sinti*zze und Rom*nja leben in Baden-Württemberg, schätzt der Verband Deutscher Sinti und Roma. Die meisten gehen regulären Jobs wie Architektin, Friseur oder Pflegefachkraft nach. Manche sind auch unfreiwillig obdachlos wie die beschriebenen zugewanderten Rom*nja-Familien aus der EU. Sie dürfen wegen der Arbeitnehmerfreizügigkeit in jedem EU-Land auf Jobsuche gehen und arbeiten.

 

Diarom-Projektleiterin Verena Cömert (links) und MuKiZ-Projektleiterin Jessica Danilejko helfen Roma-Müttern und -kindern aus der EU beim Ankommen.
Foto: Sylvia Rizvi
Ausgabe: Juli - August - September 2026

Ein Jahr Mutter-Kind-Zentrum MuKiZ

Lernen, Chillen, Zukunft bauen

Jubiläum! Seit einem Jahr gibt es in Stuttgart-Bad Cannstatt einen besonderen Ort: das Mutter-Kind-Zentrum für zugewanderte Rom*nja-Mütter und ihre Kinder: MuKiZ. Es begleitet wohnungslose Familien aus EU-Staaten. Bislang war das Hilfesystem auf sie kaum vorbereitet.

Von Sylvia Rizvi.

Das MuKiZ versteht sich als Brücke in ein stabiles Leben. Finanziert wird es von der Bürgerstiftung und damit ausschließlich aus privaten Mitteln und Spenden. Partner sind das Projekt Diarom (Diakonie Württemberg) und der Landesverband der Sinti und Roma.

Der Start im Mai 2025 holperte noch. Es gab zu wenig Fachkräfte und Besucher*innen. Doch über das Jahr baute sich das MuKiZ einen stabilen Besucher*innen-Stamm von rund 100 Rom*nja-Müttern und -Kindern auf. Die meisten stammen aus Rumänien. Die helle, freundliche Einrichtung in der Fußgängerzone bietet ihnen Aufenthaltsräume, eine Spielecke, Küche, Beratungstheke, Nähstube und Kleiderkammer. Manche Mütter sind verheiratet, die anderen alleinerziehend. Dass sich hier einst ein Tattoo-Studio befand, ist kaum noch vorstellbar – Ehrenamtliche haben die Räume renoviert, Stuttgarter*innen spendeten Möbel.

„Es ist ein geschützter Raum für Frauen und Kinder“, berichtet MuKiZ-Projektleiterin Jessica Danilejko. Denn Obdachlosen-Unterkünfte seien nicht familiengerecht. Dort gäbe es kaum Privatsphäre, es fehle am Platz zum Spielen und Hausaufgabenmachen. MuKiZ entstand, um Kinderrechte zu schützen. „Denn alle Kinder sollen gut aufwachsen“, erklärt Diarom-Projektleiterin Verena Cömert gemäß der UN-Kinderrechtskonvention.

Der Alltag im MuKiZ folgt festen Abläufen. Gemeinsam wird gekocht, häufig mit Foodsharing-Lebensmitteln. Danach wird aufgeräumt, gebastelt und gespielt. Die Kinder sind zwischen null und 11 Jahren und entdecken ihre motorischen Fähigkeiten, neue Talente oder machen Schularbeiten. Angeleitet werden sie von zwei mehrsprachigen Pädagoginnen und zwei Werkstudentinnen. Zudem lernen Mütter und Kinder spielerisch deutsch. Geboten werden auch Gesprächsrunden, etwa über Kinderrechte. Darüber hinaus erleichtert das MuKiZ die soziale Teilhabe: Die Rom*nja-Familien nahmen etwa am Cannstatter Faschingsumzug und an Laternenläufen teil.

EU-Bürger*innen dürfen überall in der EU Jobs suchen und arbeiten.

Montags berät Diarom im MuKiZ zu Behörden-Angelegenheiten: Formulare ausfüllen, einen Kitaplatz suchen oder Arbeit finden oder behalten. Denn EU-Bürger*innen dürfen überall in der EU Jobs suchen und arbeiten. „Sie genießen Freizügigkeit“, erklärt Cömert. „Wir helfen, dass Familien ihre Rechte auf Teilhabe und Integration wahrnehmen können.“ Wichtig ist es ihr, ein verbreitetes Missverständnis auszuräumen: Romn*ja aus der EU erhielten nicht automatisch Sozialleistungen. Ein Anspruch entstehe in der Regel erst, nachdem sie in Deutschland gearbeitet hätten. „Meist haben sie Voll-, Teilzeit- oder Minijobs im Niedriglohnbereich, zum Beispiel auf dem Bau oder in der Reinigung.“ Allerdings reiche das Einkommen oft kaum zum Leben.

Viele Familien nehmen die schwierige Lage hier trotzdem in Kauf. Denn das Leben im Herkunftsland ist noch prekärer: Wellblechhütten ohne fließend Wasser, kaum Jobs, viele haben weder die Schule noch eine Ausbildung abgeschlossen oder sind Analphabeten. Hinzu kommen Diskriminierung und rassistische Ausgrenzung. „Und so suchen sie in Deutschland neue Perspektiven“, erklärt Danilejko. „Vor allem wollen sie ihren Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen.“

Da ist zum Beispiel die alleinerziehende Rumänin mit drei Kindern. Sie strandete ohne Essen und Obdach im Stuttgarter Schlossgarten. Über das MuKiZ erhielt die Familie erst mal eine Mahlzeit, frische Kleidung und schließlich eine Unterkunft. Ein Jahr später hat sich die Lage der Familie deutlich verbessert: Die achtjährige Tochter besucht die Schule, die jüngere die Kita. Der heute volljährige Sohn sammelt erste berufliche Erfahrungen in einer Qualifizierungsmaßnahme.

Wie viele Rom*nja aus der EU in Stuttgart leben, weiß die Stadt nicht, weil sie keine Zahlen zu Ethnien erhebt. Sie hilft den Zugewanderten aber mit Notunterkünften, Fachkräfte-Tandems am Wohnort und arbeitet an einem Rahmenkonzept zur Unterstützung. Nach einem Jahr MuKiZ zeigt sich: Das privat finanzierte Mutter-Kind-Zentrum schließt eine wichtige Lücke und bietet Perspektiven – für Kinder, die spielen und lernen dürfen, und für Mütter, die Schritt für Schritt in ein selbstständiges Leben finden.