Lavie Thidar: Adama
Aus dem Englischen von Conny Lösch.
Suhrkamp, 2026.
425 Seiten.
Lavie Thidar: Adama
Wo ist Heimat? Diese Frage wird in Lavie Thidars neuestem Thriller – einem fesselnden Familien- und Generationenroman – gleich zu Beginn gestellt, in einem Kapitel, das mit „Das Ende“ überschrieben und 2009 in Miami angesiedelt ist. Esther verlangt da von ihrer Tochter Hanna einen Tee mit einer Scheibe Zitrone – so, wie sie es aus Israel und dem Leben in einem Kibbuz kennt. Wovon Esther aber nie erzählt hatte. Doch dann taucht eine geheimnisvolle Holzkiste auf, in der Hanna Fotos aus längst vergangenen Zeiten findet, mit Menschen darauf, die offenbar in enger Verbindung zur Mutter standen.
Lesend lernt man diese Verwandten kennen und reist zurück in die Jahre zwischen 1946 bis 1993 – und immer wieder findet in dieser Zeitspanne eine Lied Erwähnung, in dem Wind durch die Wipfel von Zypressen weht und jemand auf seine(n) Liebste(n) wartet. Er wird Eindrücke erhalten, wie es sich lebte in einem Kibbuz im Menashem-Gebirge nahe dem Westjordanland. Dort treffen sich nach Jahren der Trennung und der Ungewissheit die aus Ungarn nach Palästina ausgewanderte Zionistin Ruth und ihre über ein Lager für „Displaced Persons“ in Landsberg/Lech ausgesiedelte Schwester Shoshana wieder.
Gut 50 Jahre begleitet Thidars fesselnder Roman sie und ihnen nahestehende Figuren durch die politisch stets aufgeheizten Zeiten. Am Beispiel von Siedlern zeichnet Thidar die Entwicklung der Gründung Israels und seiner genossenschaftlichen Dörfer, die wie „sozialistische Wespen in einem kapitalistischen Körper“ wirken, nach. Die Figuren sind mal Opfer, mal Täter, mal geht’s um Rache, mal um Selbstbestimmung. Man versteht am Ende auch, warum – wenn es um Heimat geht – der bis heute schwelende Konflikt mit all seinen Nebenwirkungen so schwer zu lösen ist.