Leonardo Padura: Anständige Leute

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen.
Unionsverlag,
2026.
398 Seiten.

Ausgabe: Juli - August - September 2026

Leonardo Padura: Anständige Leute

Zehn Jahre ist es her, seit die Rolling Stones in Havanna aufgetreten sind. Als „Vorband“ quasi zum Besuch von Barack Obama, der Kuba zeitgleich beehrte. Um diese historischen Gipfeltreffen herum baut nun der kriminalliterarische Kuba-Analyst Leonardo Padura („Das Havanna-Quartett“) einen neuen Fall für den längst aus dem offiziellen Ermittlerdienst ausgeschiedenen Mario Conde auf. Es ist bereits sein achter.

Beklagt als Opfer wird dabei eine Figur, die angelehnt ist an Luis Pavón, bekannt auch als „Zar der Zensur“, der Künstlerinnen und Künstler in den 1970er-Jahren ins Exil oder in Arbeitslager gezwungen hat sowie Homosexuelle und Christen an den Pranger stellte. Gekreuzt wird dieser Erzählstrang mit einem anderen, zeitlich wesentlich früheren Ereignis, das Kuba in Atem hielt: die vermeintliche Bedrohung durch den in Erdnähe vorbeiziehenden Halley’schen Kometen – und einem mysteriösen Mord im Rotlichtmilieu.

Der Kniff erlaubt es Padura, die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Kuba während des 20.Jahrhunderts bis ins Jahr 2016 aufzufächern, wobei er dabei auch die historisch verbriefte Geschichte von Alberto Yarini y Ponce de León, dem ungekrönten König der Nachtwelt von Havanna, der 1910 von französischen Zuhältern erschossen wurde, unterbringt und vom Handel mit Gegenständen und Körperteilen (sic!) Napoleons berichtet. Körperteile, die übrigens auch bei einer Leiche der Conde-Mordfälle fehlen.

Padura verknüpft Vergangenheit und Gegenwart mit großer Fabulierlust und Detailfreude – und bringt auch eine persönlich empfundene Wut ebenso wie die ihm innewohnende Verbundenheit zu seinem isolierten Heimatland zum Ausdruck.