Kefaya and Elaha Soroor
Do, 16. Juli, 20.15 Uhr
Sommerfestival der Kulturen
Marktplatz, S-Mitte
Eintritt frei
www.sommerfestival-der-kulturen.de
Kefaya and Elaha Soroor
Afghanische Roots im Londoner Exil
Afghanistan ist eine der wichtigsten Schnittstellen Asiens, gelegen im Einflussbereich des Iran, Indiens und der zentralasiatischen Staaten der Turkvölker. Im „Golden Age Of Afghan Music“ der 1960er und -70er unter König Mohammad Zahir Shah blühte die kulturelle Vielfalt auf: mit Popsongs, die nach Bollywood oder Elvis tönten, mit Volksmusik und klassischen afghanischen Tönen. Mit der russischen Invasion 1979, gefolgt von vielen kriegerischen Konflikten, endete das goldene Zeitalter, viele Künstlerinnen und Künstler sind längst ins Exil geflohen.
So auch Elaha Soroor aus der Minderheit der Hazara: Diese drittgrößte Volksgruppe Afghanistans lebt vor allem in der ländlichen Provinz Bamiyan, einst Kreuzungspunkt der buddhistischen, griechischen und persischen Kultur. Die Hazaragi-Volksmusik ist bedroht, denn die Hazara gehören einer schiitischen, liberaleren Strömung des Islam an und wurden von den sunnitischen Machthabern von jeher diskriminiert. Frauen mussten sich in ihrer Rolle als Sängerinnen zudem im eigenen Volk immer gegen patriarchale Strukturen behaupten.
Klagegesänge, Romanzen und neckische Songs
Elaha Soroor wuchs als Geflüchtete zwischen Afghanistan und Iran auf. Nach der Entmachtung der Taliban trat sie beherzt ins Rampenlicht und kritisierte die weiterhin bestehende gesellschaftliche und kulturelle Benachteiligung der Frauen. 2008 war sie eine der beliebtesten Teilnehmerinnen in der Casting-Show „Afghan Star“ und sang ein Lied gegen die furchtbare Praxis der Steinigung. Aufgrund massiver Anfeindungen rasierte sie sich und trug Männerkleider, schließlich floh sie über Indien nach London. Nach der Rückkehr der Taliban hat die Unterdrückung der Hazara einen neuen bitteren Tiefpunkt erreicht. Aus der Diaspora zeigt Soroor nun einen Weg auf, wie sich die Tradition ihres Volkes in der heutigen globalen Musikwelt behaupten kann, damit sie nicht zu einer „lost music“ wird.
Mit der italo-britischen Band Kefaya um den Gitarristen Giuliano Modarelli hat sie Volkslieder in ein teilweise rockiges Gewand gekleidet, arbeitet in ihren Arrangements aber parallel mit traditionellen Instrumenten wie der zweisaitigen Dambura, die zum Symbol für den Kampf der Hazara wurde, oder mit der Handtrommel Dolak. Soroor öffnet sich dabei auch für Einflüsse aus der arabischen und indischen Klangwelt. Doch vor allem richtet sie die Aufmerksamkeit auf Gesänge, die die Hazara-Frauen unter sich mündlich weitergegeben haben. Da finden sich Lieder über unerfüllte Liebe oder verbotene außereheliche Romanzen, die Klage einer Mutter, die nach der Hochzeit ihre Tochter wohl nie mehr sehen wird – und auch ein neckischer Song, in dem eine junge Dame einem Macho unerschrocken auf Augenhöhe begegnet, ist im Repertoire. Afghanische Klänge aus der Vergangenheit für die Zukunft.