Ausgabe: Juni 2026

Liebe Leser*innen,

der Juni ist ein seltsamer Monat. Zu leise für einen wirklichen Aufbruch. Zu unruhig für Sicherheit.

Weltweit nehmen Kriege zu. Gesellschaften polarisieren sich. Vertrauen bröckelt still, in kleinen Rissen, die sich langsam weiten. Debatten verhärten sich. Menschen sprechen immer häufiger aneinander vorbei. Manchmal auch gegeneinander.

Gerade deshalb stellt sich eine Frage mit neuer Dringlichkeit: Wie wollen wir künftig zusammenleben? Diese Ausgabe des IN MAGAZINs sucht keine schnellen Antworten. Sie richtet den Blick auf Menschen, Initiativen und kulturelle Räume, die sich dieser gesellschaftlichen Herausforderung mit Haltung, Mut und Vorstellungskraft widmen. Leise, aber beharrlich. Was dabei immer wieder sichtbar wird: Zusammenhalt entsteht fernab von Grundsatzreden. Er entsteht dort, wo Menschen füreinander Räume öffnen.

Die Coachin und Heilpraktikerin Flavie Singirankabo bringt diese gesellschaftliche Spannung radikal und direkt auf den Punkt: „Was brauchst du, Deutschland?” Gemeint ist damit mehr als politische Orientierung. Es geht um Würde, Anerkennung, die Fähigkeit einer Gesellschaft, Verletzlichkeit auszuhalten – ohne Menschen dafür gegeneinander auszuspielen.

Genau das zeigen auch die anderen Beiträge dieser Ausgabe, jeder auf seine Weise. Migrantische Arbeiterinnen, die bereits 1973 für gleiche Rechte auf die Straße gingen, lange bevor Diversität zum Schlagwort wurde. Junge Afghan*innen in Stuttgart, die mit der Initiative Next Afghan Generation Räume für Vertrauen und demokratische Teilhabe schaffen. Das jüdische Jugendzentrum HaLev, das mit der Jewrovision jüdisches Leben sichtbar, selbstverständlich und lebendig in diese Gesellschaft einschreibt.

Viele Beiträge dieser Ausgabe handeln auf den ersten Blick von Kultur. Tatsächlich verhandeln sie etwas Grundsätzlicheres: Wer dazugehört. Wer gehört wird. Wer mitgestaltet. Demokratie entsteht in Parlamenten – und ebenso dort, wo Menschen sich begegnen, erinnern, streiten, feiern, zuhören. Sind Kulturorte die Randbühne der Gesellschaft? Im Gegenteil: Sie sind ihr Herzraum.

Das wird besonders deutlich im Gespräch zum geplanten Stuttgart Moving Image Center: Wer erzählt künftig Geschichten? Welche Perspektiven finden Platz? Wer entwickelt die Räume, in denen Öffentlichkeit entsteht? Das reicht weit über Kulturpolitik hinaus, es ist demokratiepolitisch.

Anthony Hüseyin spricht über Verletzlichkeit als künstlerische Sprache. Azza über Freiheit und Selbstbestimmung in Saudi-Arabien. Und Baden-Württemberg erlebt politisch einen Moment, der über Symbolpolitik Kulturorte sind der hinausgeht: Mit Cem Özdemir übernimmt erstmals ein Politiker mit postmigrantischer Biografie das Amt des Ministerpräsidenten. Was daraus entsteht, entscheidet sich jedoch im politischen Alltag und daran, ob diese Gesellschaft bereit ist, daraus strukturelle Konsequenzen zu ziehen. In der Kulturförderung. In der Bildung. In echten Entscheidungsprozessen.

Das IN MAGAZIN zeigt im Juni viele Räume dieser Gesellschaft. Große und kleine. Fragile und kraftvolle. Räume voller Musik, Erinnerung, Streit, Hoffnung, Fürsorge und Begegnung. Genau dort beginnt Zukunft: wo Menschen einander wieder sehen lernen.

Ihre Alina Papagiannaki-Sönmez

Geschäftsführerin Forum der Kulturen Stuttgart e. V.