Next Afghan Generation
Next Afghan Generation
Das Selbstvertrauen wiederaufbauen
Mustafa Arab kam im März 2021 mit 16 Jahren als unbegleiteter Minderjähriger aus Afghanistan nach Deutschland. Der junge Mann mit dem sympathischen Lächeln, der gerade seine kaufmännische Ausbildung abschließt, war als minderjähriger zwei Jahre auf der Flucht über den Iran, die Türkei und den Balkan. In Stuttgart angekommen, fehlte ihm schnell der Austausch mit anderen Afghan*innen und vor allem das afghanische Essen. In der Moschee Afghanen zu treffen, reichte ihm nicht. Er wollte seine Kultur auch leben.
Den entscheidenden Impuls gab schließlich das Legal Café in Bad Cannstatt – eine offene Initiative aus Aktivist*innen und Betroffenen, die zu Themen wie Migration, Flucht und Rassismus berät. Dort fand Mustafa Mitstreiter*innen, mit denen er die Initiative Next Afghan Generation gründete. Seit Juni 2025 existiert die Initiative offiziell. Mustafa leitet sie gemeinsam mit vier weiteren Personen und organisiert Veranstaltungen, die unter anderem von der Stadt Stuttgart und dem Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration des Landes Baden-Württemberg gefördert wurden.
Monatliche Treffen in Afghanistans verschiedenen Sprachen
Die Gruppe vereint hauptsächlich junge Männer zwischen 16 und 27 Jahren aus verschiedenen ethnischen Gemeinschaften Afghanistans. Afghanistan hat mehr als 30 ethnische Gruppen, verbindende Sprachen sind meist Dari/Farsi oder Paschtu. Durchschnittlich kommen 50 Menschen zu den monatlichen Treffen. Es wird gespielt, gekocht, gefeiert und sich ausgetauscht, etwa zu Anlässen wie Nouruz, dem Zucker- und Opferfest. Mustafa würde gerne mehr organisieren, doch alle im Team stecken in Ausbildungen, manche arbeiten parallel und die Zeit bleibt knapp.
Mustafa hat sich erst in Deutschland intensiv mit Demokratie auseinandergesetzt. Durch sein Engagement beim Flüchtlingsrat Baden-Württemberg und in der Jugendarbeit (Stuttgarter Jugendhaus Gesellschaft und Stadtjugendring Stuttgart e. V.) eignete er sich Methoden der Demokratiebildung und Antirassismusarbeit an, die er nun in der Initiative einsetzt. „Unsere Rechte zu erkennen ist ganz wichtig“, sagt er.
Struktureller Rassismus, Stigmatisierung nach Anschlägen durch Afghanen und Hasskommentare in sozialen Medien belasten die Community stark. „Es macht uns Angst und verunsichert uns“, beschreibt Mustafa die Folgen. Viele trauen sich in der Öffentlichkeit nicht zu sagen, dass sie Afghan*innen sind. Das Selbstvertrauen, das die traumatisierende Fluchterfahrung und die Anfeindungen zerstört haben, soll hier Stück für Stück wiederaufgebaut werden.“
Next Afghan Generation soll deshalb zunächst ein Raum für Vertrauen und Aufklärung sein. Jede*r darf Bekannte mitbringen, damit der sichere Charakter des Ortes erhalten bleibt. Mustafas Traum ist ein eingetragener Verein, eine Fußballgruppe und niedrigschwellige Rechtsberatung im Alltag. Nach der Aufklärungsphase möchte er den Dialog mit der Gesellschaft suchen – für eine solidarische Gemeinschaft, in der Menschen einander respektieren und Populismus keinen Platz hat.