Luigi Toscano: Kanakenkind
In Zusammenarbeit mit Silke Kettelhake.
Herder, 2026.
368 Seiten.
Luigi Toscano: Kanakenkind
Luigi Toscano nimmt in seinem Memoir Kanakenkind kein Blatt vor den Mund: Armut, Jugendheim, Drogensumpf. Bis das Kind von italienischen Gastarbeitern aus seinen schwierigen „einfachen Verhältnissen“ findet, ist es ein kurvenreicher Weg. Und erzählt wird im Tempo eines Rennwagens. Manchmal möchte man rufen, nicht so eilig. Aber das Erzähltempo hat gute Gründe. Das Ziel heißt „Beginn der Gegenwart“, wie ein Schlüsselkapitel betitelt wird. Gemeint ist die Zeit, in der Toscano die Fotografie entdeckte und damit eine Lebensaufgabe.
Dieses Buch unterscheidet sich von klassischen Autobiografien: Es gibt anderen Gesichtern und ihren Geschichten Raum. Alles dreht sich um das Fotoprojekt „Gegen das Vergessen“, das sich zur Weltreise entwickelt und sogar Züge eines Krimis annimmt. Toscano reist von Land zu Land, von New York bis Kiew, auf der Suche nach den letzten Holocaust-Überlebenden, die er ablichtet und in öffentlichen Räumen ausstellt, auf Bahnhöfen oder vor dem Capitol in Washington. Die Einzelschicksale sowie das gemeinsame Leid sollen sichtbar und dem Mahlstrom der Gleichgültigkeit entrissen werden. Margot Friedländer ist darunter, doch die allermeisten Namen waren der breiten Öffentlichkeit bis dahin völlig unbekannt. Für sein Engagement wurde Luigi Toscano vielfach ausgezeichnet; und die UNESCO hat ihm den Titel Artist for Peace verliehen.
Den Durchbruch als Fotograf hatte er um 2015 mit Heimat_Asyl: Damals hingen seine Porträts von Asylsuchenden an der Alten Feuerwache in Mannheim, und an der Parole „Wir schaffen das“ entzündeten sich Diskussionen, die bis heute andauern. Die drei Worte enthalten wohl auch diese Botschaft: Nur eingedenk unserer dunklen Vergangenheit kann es in eine hellere Zukunft gehen. Luigi Toscano hat vorgemacht, wie wir es schaffen können.