Die Optimistinnen

Premiere:
Fr, 12. Juni 2026, 19.30 Uhr
Weitere Vorstellungen:
12.6.–18.7.2026
Altes Schauspielhaus
S-Mitte
www.schauspielbuehnen.de

 

Publikumsgespräche mit Expertinnen unmittelbar nach den Vorstellungen:
Sa, 13. Juni 2026:
Gün Tank, Autorin von Die Optimistinnen
Do, 18. Juni 2026:
Sidar Carman, Geschäftsführerin der Gewerkschaft Verdi
Fr, 26. Juni 2026:
Hülya Özen-Sattler, Diversity- und Inklusionsmanagerin der LBBW
Do, 2. Juli 2026:
Süheylâ İnce Demir, Rechtsanwältin

 

 

Selda Falke, Darstellerin von Tülay/Hatice
Foto: Martin Sigmund
Ausgabe: Juni 2026

„Die Optimistinnen“ am Alten Schauspielhaus

Als die Mütter kämpften

Im Mai 2026 haben am Alten Schauspielhaus die Proben für das Stück Die Optimistinnen begonnen. Thema ist ein legendärer Streik 1973, den migrantische Arbeiterinnen anführten. Premiere ist am 12. Juni.

Von Judith Wenk.

Noch tragen die Schauspieler*innen Probenkleidung und tasten sich in ihre Rollen. Auf der Bühne spielt sich eine Szene ab, wie sie Millionen Einwanderer*innen in den 60-er und 70-er Jahren erlebten: Bei der Ankunft in Deutschland erhalten sie eine Nummer und werden auf Arbeitstauglichkeit untersucht. Typisch deutsche Bürokratie trifft auf die Frauen, Protagonistin ist eine junge Türkin.

Deutsch und Türkisch mischt sich, Mimik und Gestik der Darstellerinnen deuten ein erstes Gemeinschaftsgefühl an. Die Aufgabe des Ensembles: Ereignisse erlebbar zu machen, die über 50 Jahre zurückliegen, an die selten erinnert wird und die doch bis heute wirken: Der Streik der migrantischen Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss gegen Frauenlohngruppen und für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen.

Regisseur Murat Yeginer, der die Bühnenfassung der Romanvorlage von Gün Tank geschrieben hat, lässt die Stimmung auf sich wirken, greift korrigierend ein und lässt sich auf Vorschläge ein. Die Atmosphäre ist locker und konzentriert.

Gleiche Arbeit, schlechterer Lohn

Was hat ihn an diesem Stück gereizt? „Zuerst mal fand ich den Titel des Buchs toll,“ erzählt er. Die Optimistinnen, und den Untertitel: Die Geschichte unserer Mütter. Die ,Gastarbeiterinnen‘ kommen ja sonst gar nie vor. Keiner weiß, dass sie oft sehr aufgeklärt waren. Viele kamen alleine. Und da machten sie nun schwere Arbeit, dieselbe wie die Männer, wurden aber in sogenannten Leichtlohngruppen bezahlt, also viel schlechter. Die haben keinen Sprachunterricht gehabt. Die ungleiche Bezahlung war vorher nie infrage gestellt worden! Und war dann aber nicht auf einmal flächendeckend weg. Der Streik bei Pierburg siehe unten, Anmerkung der Red.) war die Initialzündung, es hat aber noch Jahre gedauert.“

Das Deutsch-Türkische Forum beteiligt sich als Kooperationspartner an der der Produktion. Denn, so Kerim Arpad, „die Metropolregion Stuttgart (gehört) zu den Zentren der türkischen Diaspora im Ausland, was (…) dem ,Gastarbeiter*innen‘- Zuzug seit 1961 geschuldet ist. Ich schätze rund 140.000 Türkeistämmige.“ Auch hier gab es „zahlreiche Proteste, bei denen migrantische Frauen in der ersten Reihe standen.“

Murat Yeginers erste Inszenierung am Schauspielhaus hieß Istanbul und wurde 2023 vom Publikum zur beliebtesten Inszenierung gewählt. Er erzählt: „Da gingen Leute ins Theater, und zwar in einer großen Anzahl, die selber Migrationshintergrund hatten, weil sie das Gefühl hatten, dass es etwas mit ihrer Geschichte zu tun hat.“

Murat Yeginer arbeitet mit vielen künstlerischen Elementen: Wir projizieren authentische Fotos von damals, die die Heime zeigen, oder das Werkstor. Wir haben viel Musik, das sind türkische Lieder, die bis heute jeder kennt, live auf der Bühne. Die türkischen Schauspielerinnen und die deutschen singen gemeinsam türkisch. Betroffenheitsfolklore ist nicht meins. Die Zuschauer wollen ja nicht in Trauerflor aus dem Theater kommen, die wollen auch unterhalten werden. Mir ist das wichtig, dass die Leute hinterher sagen: War das ein schöner Abend, wusstest du das, Herbert, dass das damals so war?“

Jetzt schon ist klar, dass sich der Besuch im Alten Schauspielhaus lohnen wird. In Die Optimistinnen wird ein Stück Migrationsgeschichte lebendig, das bis heute nachwirkt.

 

 

 

Der Pierburg-Streik 1973. Foto: DOMID-Archiv, Köln

Der Pierburg-Streik 1973

Ende der 50 Jahre gab es in Deutschland enormen Bedarf an ungelernten Arbeiter*innen, die im Inland nicht gefunden werden konnten. Anwerbeverträge brachten Menschen aus der Türkei, Spanien, Italien, Griechenland, Jugoslawien, Marokko und Tunesien in die Bundesrepublik. Bei ihrer Ankunft wurden sie untersucht. Wer durfte, reiste weiter – an Standorte der damaligen Industrie: Metallverarbeitung, Bergbau, aber auch Porzellanherstellung und vieles mehr. In dieser Zeit spielt Die Optimistinnen – der Titel des Romans, der dem Stück zugrunde liegt. Gün Tank schildert darin die historischen Ereignisse in Neuss:

1973 streiken beim Autozulieferer Pierburg Arbeiterinnen gegen die sogenannte Leichtlohngruppe – ein Instrument um Frauen für dieselbe Arbeit schlechter zu bezahlen als ihre Kollegen. Die meisten sind Migrantinnen und leben beengt in Massenunterkünften. Den Streik organisieren sie selbständig und werden vom Betriebsrat unterstützt. Die Polizei prügelt auf die Frauen ein.  Als sich die Facharbeiter anschließen und die Presse das Thema breit aufgreift, stellt sich auch die Gewerkschaft hinter die Streikenden. Schließlich gelingt der Durchbruch – die Leichtlohngruppen werden abgeschafft, die Frauen erkämpfen bis zu 63 Pfennig mehr Lohn je Stunde, Deutschunterricht während der Arbeitszeit, Verbesserungen in den Unterkünften – ein Riesenerfolg!